L’enfant d’en haut – Sister [Ursula Meier]

Von Nathalie Jancso [ Sélection CINEMA ]


Ein Junge, der auf Walliser Skipisten auf Diebestour geht, steht im Mittelpunkt von „L’enfant d’en haut“ von Ursula Meier. Ihre sozialrealistische Parabel besticht durch eine ungewöhnliche Sicht auf die Schweizer Bergwelt, eine eigenwillige Formsprache (Kamera: Agnès Godard) und zwei starke junge Protagonisten. Diese werden gespielt von Kacey Mottet Klein, der bereits für seinen Auftritt in Meiers „Home“ den Schweizer Filmpreis 2009 für die grösste Nachwuchshoffnung erhielt, und der Französin Léa Seydoux.

Der zwölfjährige Simon nimmt im Winter täglich die Hochseilbahn, um auf den Skipisten klauen zu gehen. Skier, Mützen, Brillen, ja selbst der Proviant der reichen Touristen sind nicht vor ihm sicher. Die Skiausrüstungen verkauft er unten im Tal an die Kinder des Wohnblocks, in dem er mit seiner grossen Schwester Louise lebt. Damit bringt er mehr Geld heim als Louise, die eben ihre Stelle verloren hat und am liebsten mit zwielichtigen Typen herumhängt. Das schwierige Verhältnis der beiden wird durch Louises materielle Abhängigkeit verstärkt. Denn der scheinbar so selbstständige Simon, der sich immer allein durchzuboxen vermag, sucht im Grunde nichts mehr als Geborgenheit und Liebe. In einer herzzerreissenden Szene ist Simon bereit gutes Geld zu bezahlen, um im Bett von Louise übernachten zu können.

Mit ihrem preisgekrönten Oscar-Anwärter Home hat sich die Genferin Ursula Meier einen Namen als Autorenfilmerin gemacht. Es sind in sich geschlossene Welten, in denen sich Meiers Protagonisten bewegen, solche, die fremd anmuten, aber im Grunde ganz klar in unserer (Schweizer) Realität verankert sind. Während sie ihre parabelhafte Familienerzählung Home im Niemandsland eines stillgelegten Autobahnstücks ansiedelte, hausen ihre beiden Protagonisten in L’enfant d’en haut in einem heruntergekommenen Hochhaus einer gesichtslosen Gegend des Walliser Rhonetals. Bei seinen Reisen in die Höhe hat Simon keinen Blick für die atemberaubende Schönheit der Alpenwelt, sondern hält sich in zubetonierten Ausflugswüsten und unwirtlichen Hinterräumen auf. Die auf den ersten Blick etwas simple Metaphorik von oben und unten wird dank subtilen Zwischentönen, einer packenden Erzählung, die mit unvorhersehbaren Wendungen überrascht, und glaubwürdiger Charakterzeichnung zur faszinierenden Parabel, in der ein kleiner Junge seinen Traum vom Aufstieg träumt und sich nach Geborgenheit sehnt.
An den Berliner Filmfestspielen 2012 wurde L’enfant d’en haut als Favorit gehandelt und erhielt eher überraschend bloss einen Sonderpreis der Jury.

PRODUKTION: Vega Film AG, Archipel 35, RTS 2012. BUCH: Antoine Jaccoud, Ursula Meier, Gilles Taurand. REALISATION: Ursula Meier. KAMERA: Agnès Godard. TON: Etienne Curchod. MUSIK: John Parish. SCHNITT: Nelly Quettier. DARSTELLER: Kacey Mottet Klein, Léa Seydoux, Martin Compston, Gillian Anderson, Jean-François Stévenin. VERLEIH: Filmcoopi Zürich AG (Zürich). WELTVERTRIEB: Memento Films International (Paris).
35 mm / Farbe / 97 Minuten / Französisch

13.5.2012, 14:07 | Permalink

My Generation [Veronika Minder]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]
Bild My Generation

Was ist aus den Idealen der 68er geworden? Drei Männer und drei Frauen, alle Jahrgang 1948, schauen zurück auf ihr Leben, ihre Träume und Enttäuschungen. Die Forderungen, die sie an ihr Leben und an die Gesellschaft stellten, waren so heterogen wie die Menschen, die sich zur Bewegung zusammenschlossen. Wollten die einen die sexuelle Befreiung, strebten andere nach neuen Gesellschafts- und Lebensformen, wieder andere ihrer Zeitgenossen jedoch strebten nach Karriere und Sicherheit; nicht alle 68er waren auch Bewegte. Darum geht es unter anderem in Veronika Minders neuem Film. Die Regisseurin erzeugt durch die Lebensgeschichten der sechs Protagonisten und ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen ein Prisma der Zeitgeschichte und zeigt dadurch auf intelligente Weise die Relativität von Geschichtsschreibung.

Korrespondiert die Biografie von vier Protagonisten mit den Vorstellungen der 68er – politische Revolte, Reisen nach Indien, sexuelle Experimentierfreudigkeit – so zeigt die zurückblickende, nüchterne Betrachtung aber auch deren Konstruiertheit und nachträgliche Mythologisierung auf. Auf der ästhetischen Ebene erweist sich der Film als buntes Pastiche von Archivaufnahmen, Fotografien, den Interviews der Gegenwart und der Tonspur der vergangenen Jahrzehnte. Narratologisch osziliert der Film zwischen persönlicher Zeitgeschichte und gesellschaftlichem Kontext und den grossen Fragen des Lebens. Dieser Ansatz ist sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Films. Entsteht bei manchen Protagonisten ein detailliertes Bild ihrer Lebensgeschichte, bleiben andere am Schluss des Filmes so unbekannt wie zu Anfang. So beschränkt sich die Porträtierung des Physikers fast ausschliesslich auf die Wiedergabe von kosmologischen Weisheiten, die man eigentlich schon von Stephen Hawking & Co. kennt. In diesem Sinne wäre weniger mehr gewesen, hätte eine engere Beschränkung der Thematik den ausgewählten Topoi mehr Tiefe verliehen. Andererseits ergibt sich aus der Heterogentität des Stoffes ein faszinierendes Gesamtbild der Geschichte der vergangen 60 Jahre, das sich in den Erfahrungen und Weltsichten der einzelnen Protagonisten widerspiegelt.

Veronika Minder, die selber Jahrgang 1948 hat, studierte Kunstgeschichte in Bern und Brüssel. 2005 erschien ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm Katzenball über die lesbische Subkultur in der Schweiz und ihren gesellschaftspolitischen Wandel, der in Berlin den Teddy-Award für den besten Dokumentarfilm gewann. In beiden Werken setzt sich die lesbische Regisseurin mit Aspekten ihrer eigenen Biografie auseinander, die sie in einen grösseren Zusammenhang stellt und hinterfragt.


PRODUKTION: Cobra Film (Schweiz) 2012. BUCH: Veronika Minder, Nadia Fares. REGIE: Veronika Minder. KAMERA: Helena Vagnières. TON: Ingrid Städeli, Felix Bussmann, Hans Künzi. SCHNITT: Tania Stöcklin. MUSIK: Jackie Brutsche, Wädi Gysi. DARSTELLERINNEN: Patrizia Habegger, Uschi Janowsky, Jean-Pierre Ruder, Fredy Studer, Mary-Christine Thommen, Willi Wottreng u.a. VERLEIH: Filmcoopi Zürich. WELTRECHTE: Cobra Film. DCP/35mm, Farbe / Schwarzweiss, 92 min, Schweizerdeutsch.

03.5.2012, 15:11 | Permalink

Opération Casablanca [Laurent Nègre]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]


Opération Casablanca ist kein Film für Zuschauer, die gerne gemächlich in eine Geschichte eintauchen. Bereits in den ersten Minuten geht es Schlag auf Schlag: Nach seiner Entlassung als Tellerwäscher, wird der liebenswerte Pechvogel (Tarik Bakhari) in einem Wald in der Nähe von Genf unfreiwilliger Zeuge einer Geiselnahme. Ehe er sich versieht, steht er im Verdacht, den Generalsekretär der Vereinten Nationen entführt zu haben. Der Deutschschweizer Inspektor Glauser (Gilles Tschudi) und die japanische Agentin Isako (Elodie Yung) nehmen Saadi in die Mangel, doch dann geht ihnen der Top-Terrorist «Youssef» ins Netz und die beiden müssen ihren Verdacht fallen lassen. Die Entführer wollen Youssef freipressen. Weil sich dieser aber in der Zelle das Leben nimmt, muss der unbedarfte Saadi stattdessen als Lockvogel für den Gefangenenaustausch herhalten. Die Entführer selbst haben ihren Anführer noch nie zu Gesicht bekommen und fallen auf die Maskerade rein. Saadi wird unversehens zum Kopf einer Terrorzelle.

Nach seinem Debütfilm dem Drama Fragile (2006) hat Laurent Nègre mit Opération Casablanca eine temporeiche Agentenkomödie voller schräger Situationen inszeniert. Im Unterschied zur ähnlich gelagerten Terrorismus-Groteske Four Lions spielt Opération Casablanca sein satirisches Potenzial jedoch nur Ansatzweise aus. Hier finden sich dann aber auch gleich die stärksten Momente: Köstlich wie Saadi den beiden tumben Dschihadisten weismacht, dass Osama Bin Laden sowohl Rechts- als auch Linkshänder sei oder wenn er zur seiner eigenen «Tarnung» mit Burka und Sprengstoffgürtel durch die Stadt läuft und eine Gruppe Skinheads erschreckt.

Statt das Spiel mit den kulturellen Klischees aber wirklich auszureizen, setzt Opération Casablanca immer wieder auf Slapstick-Einlagen und erinnert dabei mitunter stark an die Pink Panther-Verfilmungen von Blake Edwards. Dass der Plot hierbei trotz Klamauk nie ins Lächerliche abdriftet, ist vor allem dem Figurenensemble zu verdanken, das bis in die kleinsten Nebenrollen zu überzeugen vermag. Der zum Islam konvertierte Kanadier, der vehement darauf besteht, dass er aus Québec und eben nicht aus Kanada stammt, ist zudem ein gutes Beispiel, wie ein Koproduktionsland originell in eine Spielhandlung mit eingeflochten werden kann.

Trotz allem ist Opération Casablanca leider nicht durchwegs gelungen. Das hohe Tempo, das der Film anschlägt, und sein Hang zum Klamauk tun der Story auf Dauer nicht gut. Die turbulenten Actionszenen nutzen sich ab und die satirischen Elemente verlieren zunehmend an Biss, so dass selbst das potenziell bedrohliche Finale zuletzt ziemlich harmlos daherkommt.

PRODUKTION: Bord Cadre films (CH, Genf), Lyla Films (CAN), Ex Nihilo (F), 2010. BUCH: Laurent Nègre. REALISATION: Laurent Nègre. KAMERA: Yves Bélanger. TON: Jürg Lempen, Martin M. Messier, Guillaume Boursier. SCHNITT: Julien Sulser, Xavier Ruiz, Jean-Paul Cardinaux. AUSSTATTUNG: Sébastian Birchler. MUSIK: Ramachandra Borcar DARSTELLERINNEN: Tarik Bakhari, Elodie Yung, Gilles Tschudi, Zinedine Soualem, Jean-Luc Bideau. VERLEIH: Columbus Film (Zürich) WELTRECHTE: The Yellow Affair (Stockholm).
35mm, Farbe, 88 Minuten, Französisch.

03.5.2012, 14:58 | Permalink

Balkan Melodie [Stefan Schwietert]

Von Sascha Lara Bleuler [ Sélection CINEMA ]
Balkan Melodie

Die erste Kamerafahrt von Stefan Schwieterts neuem Musikdokumentarfilm setzt bereits den formalen und akustischen Akzent des Films. Sie folgt Marcel Cellier durch seine nostalgisch mit Instrumenten und Auszeichnungen dekorierten Zimmer, bis der betagte Musikproduzent – einem andächtigen Gebet vor einem Altar gleich – seinen Plattenspieler bedient und eine kraftvoll sehnsüchtige Frauenstimme die Räume beschallt, sie in ihren, tiefkehligen Jauchzgesang einhüllt, einer musikalischen Umarmung gleich. “Le Mystère des Voix Bulgares”, so heisst die Platte des begnadeten Frauenchors aus Sofia, dessen Stimmen Celliers Musiklabel in den 70er Jahren Weltruhm bescherten. Ratternde Dia-Bilder, und die Tonspur einer altbackenen Radiosendung anlässlich des 85sten Geburtstag von Cellier, beleuchten die Abenteuer des Waadtländers und seiner Frau Catherine, die schon zu kommunistischen Zeiten immer wieder hinter den Eisernen Vorhang reisten, um dort musikalisches Neuland zu durchforsten, unermüdlich und stets im Kampf gegen das stalinistisch geprägte Misstrauen gegenüber Westlern. In den abgelegensten Dörfern von Rumänien werden sie fündig, verzaubert von neuartigen Klängen der Panflöte, Taragot und Cimbalom.

Balkan Melodie erzählt die Erfolgsgeschichte der Celliers, die ihre balkanischen Musikschätze auf Platten und später auf CDs aufnahmen, in alle Welt verkaufen und von deren Gewinn reich wurden. Der Film beleuchtet aber auch die Komplikationen der Freundschaft zwischen den Celliers und ihrem musikalischen Zögling Gheorghe Zamfir. Der Panflötenvirituose spielt 1972 in den poschen Kaffeehäusern von St.Gallen. Cellier erkennt das unglaubliche Talent des Rumänen und holt ihn nach Lausanne. Hier wird die klangliche Ehe zwischen Zamfirs Panflöte und Celliers Orgelklängen geschlossen, ihre gemeinsam produzierte Platte verkauft sich 1.5 Millionen Mal.
Schwietert verwebt in unverkennbar geduldiger Dramaturgie Archivaufnahmen, Zeitungsauschnitte und Dia-Bilder mit den anekdotenreichen Erzählungen der Celliers und deren favorisierten osteuropäischen Künstlern. Stellenweise muten die Monologe der selbstverliebten Protagonisten arg geschwätzig an und der Spagat, ihren persönlichen Blickwinkel immer wieder mit den politischen Wirrungen des Kalten Krieges zu verbinden, fällt mitunter etwas schulmeisterlich aus. Ähnlich den Celliers, die sich selbstzufrieden in ihr Sofa zurücklehnen, fehlt dem Film die aufgeregte Spritzigkeit eines A Tickle in the Heart oder Heimatklänge. Auch die abschliessende, technisch einwandfrei gefilmte aber überinszenierte Kusturica-Hommage soll verziehen sein, wenn die auf einem Traktor drapierten Musiker mit rhytmischer Wucht Herz und Beine erzittern lassen, wie es westlichen Künstlern verwehrt bleibt.

PRODUKTION: CH/D/Bulgaria, maximage GmbH, Cornelia Seitler (Zürich) 2012. BUCH: Vorname Name. REALISATION: Stefan Schwietert KAMERA: Pierre Mennel, Pio Corradi TON: Dieter Meyer SCHNITT: Isabel Meier MUSIK: Gheorghe Zamfir, Le Mystère des Voix Bulgares, Ioan Pop, Mahala Rai Banda, Nicolae Pitis VERLEIH: Look Now (Zürich). WELTRECHTE: Maximage (Zürich).
DCP, Farbe, 94 Minuten, Französisch/Rumänisch/Bulgarisch

11.4.2012, 22:14 | Permalink

Alpsegen [Bruno Moll]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]


Ein Mann steht in der Abenddämmerung und schickt durch einen Milchtrichter eine archaische Litanei in die Bergwelt hinaus. Was auf den ersten Blick leicht surreal anmutet, ist tatsächlich ein jahrhundertealter katholischer Brauch, ein Betruf, der das Unheil von der Alp und den Bergbauern fernhalten soll.
Bruno Moll begleitet in seinem neuen Film vier Sennen und eine Sennin aus katholischen Bergregionen, die er bei ihren alltäglichen Verrichtungen portraitiert. Er zeichnet dabei einen Querschnitt von Berglern unterschiedlichen Alters, die aus unterschiedlichen Motiven den Sommer auf der Alp verbringen. Da ist der junge Urner Bergbauer, der stolz ist auf seinen Beruf und der die harte Arbeit in den Bergen dem Sommer im Tal mit der Freundin vorzieht, oder die spirituell interessierte Appenzellerin, für die das Leben auf der Alp auch der Regeneration dient. Ein traditionelles Sennenehepaar kocht Älpler Makkaroni in Mengen, als wollte es eine ganze Armee verpflegen. Dieses Porträt ist besonders gelungen; wenn die Beiden mit Schalk in den Augen erzählen, wie sie sich vor vierzig Jahren bei einer Tanzveranstaltung kennen gelernt haben, so ist dies geradezu rührend.

Moll hat sein Material thematisch strukturiert. Er wechselt zwischen den Protagonisten hin und her und beleuchtet nacheinander Fragen zu ihrem Verhältnis zur Natur, ihrem Beziehungsleben oder ihren Ansichten zu Glaube und Religion. Der äusserst bedächtige Erzählrhythmus ist dabei ganz dem entschleunigten Leben auf dem Berg angepasst. Durch die parallele Gegenüberstellung der verschiedenen Porträts und die Wiederholung des abendlichen Rituals des Alpsegens zeigt Moll auf kluge Weise, dass das Leben auf der Alp in seiner strengen Struktur etwas Rituelles und dadurch offensichtlich auch etwas Beruhigendes hat. Bei allen Unterschieden haben die Porträtierten nämlich eines gemeinsam: Ihr unerschütterliches Gottvertrauen, dass alles so kommt, wie es kommen muss. Zweifel an ihrem Leben auf der Alp äussern sie nicht, obwohl Moll dies immer wieder aus ihnen rauszukitzeln versucht.

Ähnlich wie in seinen letzten Filmen Pizza Bethlehem und Zu Fuss nach Santiago de Compostela liegt Molls Stärke auch hier darin, ein liebevolles, mehrschichtiges Bild seiner Protagonisten zu zeichnen. Weil es ihm aber nur selten gelingt, wirklich nah an die Bergler heranzukommen, berührt Alpsegen weniger stark als seine beiden Vorgänger. Und obwohl Moll eine durchaus spannende Dokumentation gelungen ist, wird man das Gefühl nicht los, dass Alpsegen eine Art Fingerübung ist, die auf der aktuellen Bergdoku-Trendwelle mit zu reiten versucht.

PRODUKTION: PS Film GmbH (Zürich) 2012. BUCH: Bruno Moll. REALISATION: Bruno Moll. KAMERA: Bruno Moll, Peter Ramseier. TON: Bernhard Göttler, Johannes Wulf. SCHNITT: Manfred Zazzi. MUSIK: Ben Jeger. VERLEIH: Filmcoopi (Zürich) WELTRECHTE: PS Film GmbH (Zürich). DCP, Farbe, 90 Minuten, Schweizerdeutsch/Rätoromanisch.

10.4.2012, 17:48 | Permalink

Glauser [Christoph Kühn]

Von Bettina Spoerri [ Sélection CINEMA ]
Glauser

Im Zentrum dieses essayistischen Films steht nicht der gefeierte, erfolgreiche Krimi-Autor, sondern ein gejagter Friedrich Glauser: gejagt von seinem Vater, den Ärzten und Psychiatern, aber vor allem von sich selbst. Der Schweizer Filmemacher Christoph Kühn präsentiert kein konventionelles Biopic, sondern hat andere Wege gesucht, dem Innenleben des bekannten Schriftstellers näher zu kommen. Er lässt den mit sich hadernden, immer wieder suchtverfallenen, aber auch von einem besseren Leben träumenden Autoren und Menschen Friedrich Glauser mit seinen persönlichen, autobiografischen Texten auftreten. Die Kriminalromane treten derweil in den Hintergrund; sie werden nur sichtbar und wirksam als Inszenierungen von Erfahrungsräumen aus Glausers Leben – als „Biotope“, wie einer von Kühns Interviewpartnern im Film, der Autor Hansjörg Schneider, einmal meint. Einer dieser Bilder evozierenden Schauplätze ist die Fremdenlegion, in der Glauser, auf Vermittlung seines strengen und unerbittlichen Vaters, Anfang der 1920er Jahre in Marokko Dienst leistete. Ein zweites ist das ihm zeitlebens vertrauteste Biotop: die Psychiatrie. Bereits als Jugendlicher in ein Erziehungsheim gesteckt, wurden Friedrich Glausers Aufenthalte als junger Erwachsener und bald auch Entmündigter in Kliniken und Anstalten immer häufiger und länger.
Zu neu gefilmten Bildern – u.a. den Spuren der Reisen Glausers entlang – und historischen Fotografien treten in „Glauser“ als prägendes Element die Schwarz-Weiss-Zeichnungen von Hannes Binder. Der Künstler ist seit vielen Jahren mit Glausers Werk vertraut, seine Adaptionen reichen von „Der Chinese“ oder „Wachtmeister Studer im Tessin“ bis hin zu eigenen, von Glausers Texten inspirierten Bilderzählungen. Im Film tauchen aber nur wenige der bereits in Büchern veröffentlichten Bilder auf – vielmehr bat Kühn Binder um neue Impressionen. Entstanden sind stark expressive und oft unheimliche Zeichnungen, wenn die Reise in die innere Bilderwelt Glausers einsetzt. Die netzförmige Eisenverstrebung des Zellenfensters der Klinik, in der Glauser jahrelang einsass, nimmt ein Eigenleben an, schleicht sich überall ein und mutiert gar einmal zu einer furchterregenden Spinne.
Der Wechsel zwischen Phasen absoluten Ruhestands und Zeiten, in denen Glauser viel unterwegs war und die Schweiz nach Möglichkeit floh – nach Frankreich oder Italien, am Ende auch mit seiner Geliebten, der Pflegerin Berthe Bendel –, spiegelt sich in der Bildkomposition des Films. Fast gänzlich abwesend sind die äusseren Erfolge Glausers, seine Kontakte mit der Literaturszene, die öffentliche Resonanz. Kühn konzentriert sich auf Glausers Innenwelt sowie den Widerhall und die Öffnungen, die seine Reisen in die Natur, ans Meer bewirkten. Allerdings holten ihn die Erinnerungen, seine Ängste und Süchte eher früher als später wieder zurück…

PRODUKTION: ventura film sa (Elda Guidinetti, Andres Pfaeffli), Schweizer Radio und Fernsehen, SRG SSR; BUCH/REALISATION: Christoph Kühn; KAMERA: Carlo Varini; TON: Rolf Büttikofer, Peter Bräker (Sound Design), Hans Künzi (Rerecording Sound Mix); LICHT: Andrea de Stoutz, Matthias Franz, Stefan Pösel; SCHNITT: Joanna Brüehl, Milenia Fiedler, Francesco Jost, Gion-Reto Killias; MUSIK: Bertrand Denzler; VERLEIH: ventura film sa; WELTVERTRIEB: Filmcoopi Zürich AG.
Farbe, 75 min

10.4.2012, 17:43 | Permalink

Eine wen iig, dr Dällebach Kari [Xavier Koller]

Von Stefan Staub [ Sélection CINEMA ]


Bern um die Jahrhundertwende. Auf dem Schwingfest lernt der junge Coiffeur Kari die Fabrikantentochter Annemarie kennen. Das Herz des zierlichen Mädchens aus gutem Hause erobert der schlagfertige Coiffeurmeister mit der Hasenscharte im wahrsten Sinne des Wortes im Fluge und bald schon entwickelt sich zwischen dem ungleichen Paar eine schüchterne Romanze. Sie schmieden Hochzeitspläne und Kari kann sein Glück kaum fassen. Doch die Standesdünkel der Familie Geiser machen der zarten Liebe einen Strich durch die Rechnung und Dällebachs Leben nimmt jene tragische Wende, die ihn für immer prägen wird.
All dies erzählt der Film in mehreren Rückblenden aus der nostalgischen Perspektive eines gebrochenen Mannes, der sich ein letztes Mal an den «schönsten Sommer seines Lebens» erinnert. Mit viel Liebe zum Detail entführt Xavier Koller den Kinozuschauer dabei in das malerische Bern der Jahrhundertwende. Ausstattung und Kostüme sind so stimmungsvoll und prächtig, wie man es sonst nur aus Hollywoodproduktionen kennt. Und auch bei der Sprache haben die Macher genau hingehört. Gekonnt wurden typische Berner Ausdrücke in die Dialoge eingeflochten, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Der flüssige Schnitt und das sorgfältig gesetzte musikalische Grundthema tragen weiter dazu bei, dass ein Eintauchen in diese nostalgische Welt gelingt.
Die grosse Stärke des Filmes ist es aber, dass er seine Liebesgeschichte ernst nimmt und den intimen Szenen zwischen dem von Nils Althaus und Carla Juri überzeugend gespielten Liebespaar entsprechend viel Raum lässt. Die Regie verzichtet hier weitgehend auf Musik und auch die Kamera stellt sich ganz in den Dienst der Darsteller. Oft geht sie in diesen beinahe kammerspielartigen Szenen so nah ran, dass es fast schon weh tut. Ein Höhepunkt in dieser Beziehung ist Karis Besuch bei der Familie Geiser, wo die bittere Komik der Tragödie konsequent auf die Spitze getrieben wird.
Xavier Koller, der mit diesem Film die 47. Solothurner Filmtage eröffnete, hat bewusst darauf verzichtet, eine Art Remake von Kurt Frühs Dällebach Kari zu inszenieren. Er bezieht sich bei seiner Fassung vielmehr auf das Theaterstück von Livia Anne Richard. Und obwohl Koller die Umsetzung gut gelingt, wünschte man sich manchmal, er hätte sich bei der Zeichnung der Hauptfigur stärker an seinem filmischen Vorgänger orientiert. Eine kantigere Charakterisierung mit einer stärkeren Betonung von Karis destruktiver Seite hätte den Protagonisten gestärkt und letztlich interessanter gemacht. Trotzdem – die Balance zwischen Ausstattungskino und intimen Szenen funktioniert und die Liebesgeschichte, die in ihrer altmodischen Art etwas erfrischend Anachronistisches hat, verfehlt ihre emotionale Wirkung nicht.

PRODUKTION: Catpics AG (Zürich) 2012. BUCH: Xavier Koller. REALISATION: Xavier Koller. KAMERA: Felix von Muralt. TON: Tom Weber, Frank Gorgas. SCHNITT: Gion-Reto Killias. AUSSTATTUNG: Ralf Schreck, Toni Lüdi. KOSTÜME: Birgit Hutter. MUSIK: Balz Bachmann. DARSTELLERINNEN: Nils Althaus, Carla Juri, Hanspeter Müller-Drossaart, Bruno Cathomas. Julia Jenkins. VERLEIH: Ascot Elite (Zürich) WELTRECHTE: Catpics AG (Zürich). DCP, Farbe, 111 Minuten, Schweizerdeutsch.

30.3.2012, 12:11 | Permalink

CINEMA 57: Begrenzungen

Von Anita Gertiser [ Aktuelle Ausgabe ]


In der Produktion wie bei der Projektion sind dem klassischen Filmbild Grenzen gesetzt: Der Kameramann wählt die Cadrage, die Kamera nimmt einen Ausschnitt auf, später wird ein begrenztes Bild projiziert oder auf einem Bildschirm wiedergegeben. Innerhalb dieser engen technischen Vorgaben scheinen die Möglichkeiten jedoch grenzenlos: Seit der Erfindung des Kinos werden stets neue Dimensionen ausgelotet, innovative Filmemacher sprengen immer wieder formale und inhaltliche Grenzen, spielen mit den Begrenzungen von Genres und ästhetischen Traditionen. In CINEMA 57 liegt unser Augenmerk auf den unterschiedlichen technischen, formalen, ökonomischen und inszenatorischen Aspekten, welche diese Begrenzungen mit sich bringen. Andererseits fragen wir danach, wie Grenzen inszeniert werden: In Zeiten der Globalisierung, der Flüchtlingsströme, Arbeitsmigration und zunehmender Mobilisierung sind Grenzen und Ausgrenzung, aber auch der Blick über Grenzen in transnationale Räume brisant – auch für das Kino.

Und wie jedes Jahr gibt es im Kapitel Sélection CINEMA einen Überblick über das Schweizer Filmschaffen 2010/2011 mit kritischen Kommentaren.

Herausgegeben von: Anita Gertiser, Daliah Kohn, Nathalie Jancso, Simon Meier, René Müller, Bettina Spoerri, Matthias Uhlmann, Senta van de Weetering.

Im Buchhandel, beim Verlag oder direkt bei der Redaktion zu beziehen.

02.3.2012, 14:45 | Permalink

Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser [Urs Schnell]

Von Simon Meier [ Sélection CINEMA ]


"Dr. Frankenstein's creation has overwhelmed and overpowered him as has the corporate form done with us” (The Corporation).
Der Schweizer Journalist Res Gehriger und der Filmemacher Urs Schnell machen sich auf die Reise, um herauszufinden, wie mit sauberem Trinkwasser – dem wohl heiss umkämpftesten Rohstoff des anbrechenden 21. Jahrhunderts – in grossem Stil Geld erwirtschaftet wird. Den Fokus legen sie dabei auf den transnationalen Konzern Nestlé, der mit der Abfüllung von Trinkwasser in PET-Flaschen einen Mehrgewinn von Milliarden erwirtschaftet. Nestlé, der weltweit grösste Lebensmittelkonzern, besitzt über 70 verschiedene Wassermarken. Die Geschichte führt den Journalisten von der Schweiz über die USA und Nigeria bis nach Pakistan. In den USA wie in den Schwellenländern wendet der Konzern die Technik der Privatisierung und Monopolbildung an. Während die massive Wasserentnahme in den amerikanischen Bundesstaaten zu Anwaltsgefechten führt, bleibt den Machtlosen in Nigeria und Pakistan wegen der meist versagenden öffentlichen Wasserversorgung nur das gereinigte Grundwasser ‘Pure Life‘ von Nestlé. Da dieses zu Wucherpreisen vertrieben wird, wird sauberes Trinkwasser zu einem Luxusgut.

Bereits Filme wie We feed the World (2005), The Corporation (2003) oder Surplus: Terrorized into Being Consumers (2003) thematisieren das amoralische Handeln von transnationalen Konzernen. Sie kommen zu einem ähnlichen Schluss: Trotz ihres rechtlichen Status als juristische Person erweisen sich die meisten Grossunternehmen psychologisch analysiert als soziale und moralische Psychopathen. Die Idee, dass das Wohlergehen von Gemeinschaften einen Wert hat, ist für sie genauso unverständlich wie die Vorstellung eines Menschenrechts auf Wasser. So wurde Nestlé Konzernchef Peter Brabeck in We feed the World mit der Aussage zitiert, dass ein Markwert für Wasser intelligenter sei als ein öffentliches Recht darauf. Erst dadurch würden die Endkonsumenten dessen Wert schätzen lernen. Bottled Life greift diese Aussage auf und rückt sie ins Zentrum der Fragenstellung. Dabei berührt vor allem die Erkenntnis, dass die Herstellung von ‘Pure Life‘ für die Mittel- und Oberschicht auf Kosten von sauberem, öffentlichem Trinkwasser für die Mittellosen geht. Dieser Logik der ungerechten Umverteilung eines öffentlichen Rohstoffes, der mittels Privatisierung von Wasserquellen geschieht, gilt das Hauptinteresse des Films. Das ethisch fragwürdige Handeln stützt sich dabei auf schwammige Gesetzgebungen, die Wasser als Rohstoff in der Regel nicht berücksichtigen.

Die pauschale Kritik am Grosskonzern und seinem Vorsteher Brabeck, der als Big Brother des Konzerns inszeniert wird, greift etwas zu kurz. Es wird zu wenig berücksichtigt, dass die Konsumenten mit ihrem Kaufentscheid das Handeln des Konzerns mitbestimmen. Wir, die Konsumenten, bilden Teil des Leviathans Nestlé.

Urs Schnell studierte in Bern Germanistik und Philosophie und realisierte seit Anfang der 90er Jahre zahlreiche Kurzdokumentarfilme, die thematisch von Hooligans (2008), über schwererziehbare Jugendliche – Die Jungs vom Berg (2004) – bis hin jungen Menschen in der postkommunistische Gesellschaft – Protsess idiot (1995) – reichen. Bottled Life (2012) ist sein erster abendfüllender Dokumentarfilm.

PRODUCTION DokLab, Eikon Südwest, SRG SSR, Schweizer Radio und Fernsehen, WDR - Westdeutscher Rundfunk Köln, ARTE (Schweiz, Deutschland) 2012. BUCH: Res Gehriger, Urs Schnell. REGIE: Urs Schnell. KAMERA: Laurent Stoop. TON: Dodo Hunziker. SCHNITT: Sylvia Seuboth-Radtke. MUSIK: Ivo Alessandro Ubezio. VERLEIH: Frenetic Films (Zürich). WELTRECHTE: Österreichischer Rundfunk.
35mm 16:9, Farbe, 90 min, Englisch, Deutsch, Amharisch, Urdu

02.3.2012, 13:36 | Permalink

Day Is Done [Thomas Imbach]

Von Natalie Böhler [ Sélection CINEMA ]
Day Is Done

Aufnahmen aus dem Atelierfenster und die aufgezeichneten Nachrichten des Telefonbeantworters: Über zwanzig Jahre hinweg sammelte der Zürcher Filmemacher Thomas Imbach beides. Aus diesem audiovisuellen Archiv ist entstanden, eine Art Tagebuchfilm. Chronologisch reihen sich Gesehenes und Gehörtes aneinander. Der Vater erzählt aus den Ferien und gratuliert zum neuen Film, die Grossmutter gerät in Verlegenheit wegen des Piepstons, die junge Frau lädt zum Bad im See ein... Aus den Fragmenten entsteht eine Geschichte: die einer Zeitspanne im Leben einer Hauptfigur, die nur für Sekunden schemenhaft vor der Kamera auftaucht und die man sonst nie sieht oder hört. Es ist eine autobiographische Erzählung, deren Protagonist durch seinen Blick und sein Gehör anwesend ist, ansonsten aber passiv erscheint; er blickt aus dem Fenster, während Leute versuchen, ihn zu erreichen, ist gleichzeitig an- und abwesend. Zwischendurch verleihen ihm eingespielte Stücke aus Songs eine Stimme, sie drücken seine Befindlichkeit aus, bevor sie mit harten Schnitten abrupt wieder abbrechen: Stimmungen sind relativierbar, da zeit- und lebensabschnittsgebunden.
Wieviel Zeit zwischen den Aufnahmen liegt, erahnen wir nur. Es wechseln sich Schneegestöber, Sommergewitter, Herbstsonne ab, die Zeit vergeht, und grosse Dinge geschehen: Liebe, Tod, Geburt, Trennung. Immer stärker wird die Vergänglichkeit greifbar. Der Titel des Films ist einem Song von Nick Drake entnommen, der von der Melancholie des Vergehens handelt: «When the day is done, down to earth then sinks the sun, along with everything lost and won.» Nichts währt ewig, alles geht vorüber.
Was gleich bleibt: der Blick aus dem Fenster. Der Blickpunkt bietet eine Vielzahl von Details, die sich ihrerseits aber laufend verändern: Die Leuchtsignale auf der Hardbrücke erstrahlen, die Züge werden moderner, ein Hochhaus entsteht etagenweise. Day Is Done ist auch ein Landschaftsfilm, der die Entwicklung einer urbanen Topografie beobachtet, und eine Hommage an Zürichs Hardbrücke. Das Portrait des Mannes wandelt sich mit dem Portrait seiner Stadt, beide verändern sich im Lauf der Zeit. Ausserdem ist der Film eine Reverenz an den Telefonbeantworter. Im Zeitalter von SMS und Livechat, in dem die menschliche Stimme auf der Combox meist bloss noch kurze, knappe, funktionale Nachrichten hinterlässt, wirken die langen, persönlichen Botschaften auf dem Beantworter wie ein Anachronismus, dessen Intimität berührt.
Day Is Done wurde an den Berliner Filmfestspielen 2011 uraufgeführt.

PRODUKTION: Okofilm Productions GmbH (Schweiz), 2011. BUCH: Thomas Imbach, Patrizia Stotz.REALISATION/KAMERA: Thomas Imbach. TON: Félix Blume, Christian Manzutto. SCHNITT: Gion-Reto Killias, Thomas Imbach. MUSIK: Peter Bräker. DARSTELLER: Thomas Imbach. VERLEIH: Monopole Pathé (Zürich).
DCP, Farbe, 111 Minuten, Schweizerdeutsch.

18.10.2011, 18:17 | Permalink
Posts  1 - 10 /604