Au sud des nuages [Jean-François Amiguet]
| Von Natalie Böhler | [ Sélection CINEMA ] |
Die zweite Bedeutung von «stier» – pleite sein – trifft hingegen nicht zu: Die Jasskasse von Adrien und seiner Männerrunde ist voll. Mit dem Geld will sich das Grüppchen eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn nach China gönnen: Hier tritt der überraschende Plot Point des Films in Kraft. Wie sich die Figuren dabei anstellen, wird zur Befindlichkeitsstudie und harten Probe von Heimatverbundenen, die sich in die Fremde wagen: Schon in Genf krebst einer zurück und schickt als Stellvertretung seinen jungen Neffen. In Berlin werden die Nashörner im Zoo mit Walliser Rind verglichen; die derbe Bergkluft wird auch im eleganten Zugsabteil nicht gewechselt, und noch in Moskau bevorzugt man zum Frühstück die mitgebrachte Aprikosenkonfitüre: So gewagt die Reise und so exotisch das Reiseziel sein mögen, die Heimat kann man nicht abschütteln. Deshalb kehrt einer nach dem andern in die Schweiz zurück, bis Adrien die Reise schliesslich allein fortsetzt. Was hierbei Anlass zu Komik oder auch Tragik bieten würde, verpufft allerdings oft in der Lakonik der Erzählung; zu distanziert sind die Figuren, als dass sie einem emotional nahe treten könnten. Ihre Verstocktheit und die Isolation beeinträchtigen die Wirkung des Films, obwohl oder weil sie dessen Thema sind, und die Sehnsucht der Figuren nach Anderswo wie auch ihre Auseinandersetzungen mit dem Zuhause verlieren an Dringlichkeit.
Yunnan, die chinesische Region «südlich der Wolken», erscheint schliesslich wie ein Echo des Wallis – auch hier gibt es hohe Berge, diesig-verhangene Wälder und Stierkämpfe. Adrien fühlt sich instinktiv wohl und schüttet sein Herz einer Chinesin aus, die zwar nur Bahnhof versteht, aber geduldig zuhört, bis sich Adriens Seele reingewaschen hat, weil er sein Schweigen bricht und ein über Jahrzehnte gehütetes Geheimnis loswird. Die Schwierigkeit des Films – die Fremdheit und der Mangel an Empathie, die man gegenüber Adrien aufgrund seiner Unzugänglichkeit und seines Schweigens empfindet, – löst sich hier versöhnlich auf. Die Entdeckung des Eigenen im Fremden wird spät, aber wirksam greifbar.
P: Bernard Lang AG (Zürich) 2003, Native (Paris). B: Jean-François Amiguet, Anne Gonthier, R: Jean-François Amiguet. K: Hugues Ryffel. T: François Musy. S: Valérie Loiseleux. M: Stimmhorn, Laurence Revey. D: Bernard Verley, François Morel, Maurice Aufair, Jean-Lux Borgeat.
35 mm, Farbe, 80 Minuten, Französisch

