Beyond Farewell. Antennen ins Jenseits [Susanna Hübscher]
| Von Martina Huber | [ Sélection CINEMA ] |

Der Dokumentarfilm Beyond Farewell beginnt mit einer langen Einstellung, einem Blick auf Berge, ein Stück Himmel mit Wolken und Sonnenlicht im Zeitraffer. Undefinierbare Geräusche sind zu hören, sie könnten von Funktürmen stammen oder von Satelliten, vom Kosmos vielleicht. Dieser Bereich zwischen Himmel und Erde eröffnet uns den Raum, in den sich Susanna Hübscher aufmacht, um nach dem Leben nach dem Tod zu forschen. Konkret geht sie der Frage nach, ob die Menschen ihre „verstorbenen Liebsten im Jenseits kontaktieren“ könnten. Ja, lautet ihre eindeutige Antwort, es gibt Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten, die zwischen dem Dies- und dem Jenseits vermitteln können. Zum Beispiel der Schotte Bill Coller, der seine Gabe zu seinem Beruf gemacht hat. Er kommuniziert im Auftrag seiner Kunden mit Verstorbenen und transportiert tröstende Botschaften.
Während der Arbeit am Film verstarb der Vater der Autorin, was ihren Zugang zum Thema grundlegend veränderte. Zur allgemeinen Fragestellung über das Leben nach dem Tod kam ihre ganz persönliche Erfahrung dazu. Hübscher versuchte nun, der emotionalen Leere zu begegnen und die Unfähigkeit, über den Verlust zu sprechen, zu verarbeiten. Damit wurde das Filmemachen zum therapeutischen Prozess. Bill Coller begleitet diesen Trauerprozess und übernimmt dabei eine vermittelnde Rolle: Er soll die Verbindung zum Vater herstellen und verkörpert für Hübscher symbolisch „die Sehnsucht“, das Heimweh nach dem Verstorbenen.
Die Suche nach (Ant)Worten führt Hübscher in die Schweizer Berge, wo sie auf langen Wanderungen mit ihrer Mutter über ihre Gefühle redet und mit dem Verlust umzugehen lernt. In den USA besucht sie einen Workshop Collers und versucht dort, ihre Wahrnehmung zu erweitern und die Sinne für neue Dimensionen zu öffnen. Die Reise führt sie aber hauptsächlich zurück in die Vergangenheit mit frohen Erinnerungen an das Leben in der intakten Kleinfamilie, die auf Super-8-Filmen festgehalten sind.
Beyond Farewell will den Zuschauer zur Offenheit bewegen gegenüber dem Unerklärlichen und den Geheimnissen des Todes. Hübscher selbst überlässt sich ganz ihrem Therapeuten, seinen Methoden und emotionalen Erfahrungen. Sie traut sich dann aber doch nicht, die privaten Erkenntnisse mitzuteilen. Formal setzt sie ihr Experiment mit einigen originellen Schnittfolgen um, mit ausgezeichneter Musik und mit Bildern, die von weitläufigen Naturaufnahmen bis zur verwackelten Handkamera von ganz unterschiedlicher Qualität sind. Schliesslich münden die universellen Fragen aber in eine individuelle spirituelle Erfahrung, die keine überzeugenden Antworten zu geben weiss. Vor allem das Geheimnisvolle und Unwirkliche bleibt eher eindimensional, die Bilder irdisch: Die imaginäre Reise ins Jenseits unterscheidet sich kaum von Hausbootferien in der Kindheit. So ist das also im Paradies – genau wie hier, „nur schöner“. Das Rationale lässt Hübscher bewusst weg, weder die Denkmuster noch die Vorgänge oder das Medium werden hinterfragt. Dabei hätte diesem Essay, das sich irgendwo zwischen dem Portrait des Mediums und dem nostalgische Familienfilm verliert, ein bisschen kritische Distanz und etwas mehr Konzept nicht geschadet.
P: Hugofilm Productions GmbH (Zürich), Schweizer Fernsehen, SRG SSR idée suisse 2009. B+R: Susanna Hübscher. K: Marcel Derek Ramsay, Till Brinkmann, Gaudenz Hübscher. T: Roman Bergamin, Hans Künzi, Dieter Meyer, Patrick Storck, Alexander Szombath. S: Marcel Derek Ramsay. M: Joke Lanz. V: Frenetic Films (Zürich). W: Hugofilm Productions GmbH (Zürich), Nour Films (Paris).
35mm, Farbe, 78 Minuten, Schweizerdeutsch, Englisch.

