Der Freund [Micha Lewinsky]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Der Freund

Emil Funk ist ein Einzelgänger. Am liebsten hängt er im Zürcher Klub Helsinki herum. Dort kann er aus der Ferne seine heimliche Liebe beobachten, die Musikerin Larissa Mahler. Eines Tages wird Emils Traum wahr, Larissa spricht ihn an. Doch sie tut es nur, um ihn um einen Gefallen zu bitten: Er solle sich bei ihren Eltern doch als ihr Freund ausgeben – für den Fall. Emil versteht nur Bahnhof. Einen Tag später ist Larissa tot und ohne nachzudenken hält Emil sein Versprechen. Er wird von Larissas Eltern und ihrer Schwester Nora warmherzig aufgenommen. Der schüchterne Sohn einer allein erziehenden Mutter geniesst die wichtige Rolle, die er für Mahlers spielt. Larissas Vater ahnt zwar, dass Emil nicht wirklich der Freund seiner Tochter war, doch er hält es nicht für notwendig, die Illusion, mit der sich die Familienmitglieder trösten, zu zerstören. Doch dann verliebt Emil sich zum ersten Mal wirklich – ausgerechnet in Nora.

Mit Der Freund legt der Zürcher Filmemacher Micha Lewinksy sein Langspielfilmdebüt vor. Er schrieb das Drehbuch und führte Regie. Der Freund verströmt zwar eine Menge Melancholie, es fehlt ihm aber gleichzeitig nicht an komischen Momenten. Dass Lewinsky diese Gratwanderung zwischen Drama und Komödie so gut gelingt, liegt vor allem an den glaubwürdigen und immer wieder sehr rührenden Dialogen, und nicht zuletzt am hervorragenden Schauspielerensemble. Die Rolle des schüchternen Emil Funks nimmt man Philippe Graber jederzeit ab. Trotz seiner Unsicherheit strahlt Emil eine ungemeine Bodenständigkeit aus, die es ihm wohl erleichtert, in die Familie seiner Angebeteten aufgenommen zu werden. Graber war bisher vorwiegend auf der Bühne zu sehen. Zudem hat er im SF-Fernsehfilm Sonjas Rückkehr mitgewirkt. An seiner Seite spielt Johanna Bantzer, die nach ihrem beeindruckenden Debüt in Manuel Flurin Hendrys Strähl 2005 als Shooting Star an die Filmfestspiele in Berlin eingeladen wurde. Sie spielte bereits in Lewinskys Kurzfilm Herr Goldstein. Für die Rolle der Larissa konnte der Zürcher Regisseur die Sängerin Emilie Welti gewinnen, die besser bekannt ist unter ihrem Künstlernamen Sophie Hunger und für einen grossen Teil des Soundtracks verantwortlich ist. Nicht nur ihr zollt Lewinsky mit seinem Film Respekt, auch dem Helsinki – einem alternativen Klub unter der Zürcher Hardbrücke, welcher dem Freund eine Portion Lokalkolorit beschert.

Lewinsky hat sich bisher vor allem als Drehbuchautor einen Namen gemacht. So schrieb er das Buch zu Sternenberg (Regie: Christoph Schaub), dem erfolgreichsten Schweizer Spielfilm des Jahres 2004, und war als Ko-Autor am viel beachteten Little Girl Blue (Anna Luif, CH/D 2003) sowie an Lago Mio (Jann Preuss, CH 2003) beteiligt. Sein Regiedebüt gab Lewinsky mit dem Kurzfilm Herr Goldstein, der für den Schweizer Filmpreis nominiert war und mehrere Preise gewann. Zu Recht war Der Freund ebenfalls für den Schweizer Filmpreis 2008 nominiert und zwar gleich in vier Kategorien. Ausgezeichnet wurde er als Bester Film.

P: Langfilm (Zürich), Teleclub AG 2007. B, R: Micha Lewinsky. K: Pierre Mennel. T: Laurent Barbey, Peter Bräker, Hans Künzi. S: Marina Wernli. M: Marcel Vaid, Emilie Welti. D: Philippe Graber, Johanna Bantzer, Michel Voïta, Andrea Bürgin, Emilie Welti, Urs Jucker. V: Frenetic (Zürich). W: Langfilm (Zürich).
35mm, Farbe, 87 Minuten, Schweizerdeutsch.