Fragile [Laurent Négre]

Von Laura Daniel [ Sélection CINEMA ]
Fragile


An einer Tankstelle, irgendwo in der Westschweiz, mitten in der Nacht, eskaliert der bereits lange schwelende Konflikt zwischen den Geschwistern Sam und Catherine, die ausser ihrer Mutter nicht viel gemeinsam haben. Sam ist der Jüngere der beiden, bis vor kurzem kümmerte er sich um die kranke Mutter, die – von Alzheimer geplagt – ohne ihn kaum in der Lage gewesen wäre, ihr Leben zu meistern.

An dem Tag, an dem Sam sie in ein Pflegeheim begleiten sollte, begeht die Mutter Selbstmord. Den Kindern hinterlässt sie Abschiedsbriefe und Ratlosigkeit. Von ihren Plänen ahnten die beiden nichts – Catherine, die ehrgeizige Ärztin, wusste bis anhin nicht einmal von der Krankheit der Mutter. Zum ersten Mal seit langer Zeit sind die Geschwister wieder aufeinander angewiesen, können sich nicht aus dem Weg gehen, wie sie es zu tun pflegten. Es gilt, die Formalitäten zu regeln und, noch viel schlimmer, gemeinsam einen Weg zu finden, um mit der Trauer zurechtzukommen. Doch nicht einmal in der Trauer sind sie sich ähnlich: Sam reagiert mit Verzweiflung und unbändiger Wut; Catherine bewahrt Ruhe.

In der Nacht vor der Beerdingung erledigt sie, wie immer, ihre Tour als Mitglied der Vereinigung «Nez rouge», die alkoholisierte Nachtfalter sicher nach Hause bringt. Der stark alkoholisierte Partygast, den sie in dieser Nacht vorfindet, ist ihr Bruder. Die darauf folgende Auseinandersetzung ist ein erster Schritt der Annäherung.

Zerbrechlich ist in Fragile nicht nur das Verhältnis der beiden Geschwister, sondern auch der psychische Zustand der einzelnen Figuren, denn jede befindet sich in einer Krisensituation, was vom fabelhaften Schauspielerensemble – Nègre konnte unter anderem Marthe Keller für die Rolle der Mutter gewinnen – fein und überzeugend zugleich umgesetzt wird.

Fragile ist Laurent Nègres erster Langspielfilm und hat mit seinem vorangegangenen Kurzfilm, der experimentellen Animation Schenglet (2002), vordergründig nur wenig gemein. Stand dort der politische Appell im Vordergrund, so zählt bei Fragile die Hinwendung zum Privaten, zu jenem zerbrechlichen Gebilde, das sich Familie nennt. Eine entwaffnende Ehrlichkeit in der Zeichnung der Figuren und eine gewisse Faszination am Scheitern der Letzteren sind Eigenschaften, die das Spielfilmdebüt mit Jean-Stéphane Brons Mon frère se marie (2006) teilt. Trägt Nègre bisweilen doch ziemlich dick auf, wenn etwa Sam sich mithilfe der Genfer Fontäne das Leben zu nehmen versucht, so gelingt es ihm doch, das Verhältnis der Geschwister, ihre Zwänge und Prägungen glaubhaft und sensibel darzustellen.

Marthe Keller spielt ihre kleine Rolle mit Grandezza und wurde dafür mit dem Schweizer Filmpreis 2006 für die «Beste Nebenrolle» ausgezeichnet. Neben der Nomination in der Kategorie «Bester Spielfilm» beim Schweizer Filmpreis gewann Fragile in Genf am Cinéma Tout Écran den Prix TV5 für den «Besten frankophonen Film».


P: Bord Cadre Film (Genève), TSR 2006. B, R: Laurent Nègre. K: Béatrice Mizrahi. T: Julien Sulser. S: Jürg Lempen. M: Ladislav Agabekov, Jérome Pellegrini, Andrès Garcia. D: Marthe Keller, Felipe Castro, Stefanie Günther, Joël Demarty, Sandra Korol, Louis Charles Finger, Jean-Marie Daunas u.a. V: Agora Films (Carouge). W: Bord Cadre Film (Genève).
HD, Farbe, 85 Minuten, Französisch (englische Untertitel).