Giulias Verschwinden [Christoph Schaub]
| Von Thomas Hunziker | [ Sélection CINEMA ] |

Plötzlich ist sie weg. Giulia (Corinna Harfouch) ist gerade unterwegs zur Feier ihres 50. Geburtstags. Da stellt sie fest, dass die Reflexion ihres Gesichtes in einem Busfenster nicht mehr zu erkennen ist. Ein Abstecher in ein paar Läden soll den Frust vergessen lassen. Doch auch dort wird sie nicht wahrgenommen. Bis sie in einem Brillenladen von einem fremden Mann (Bruno Ganz) angesprochen wird. Anstatt zu ihren Freunden ins Restaurant zu eilen, lässt sich Giulia zu einem Drink einladen.
Derweil wartet die Geburtstagsgesellschaft immer ungeduldiger. Im Gespräch witzeln sie über Krampferscheinungen beim Sex, Vergesslichkeit und den schwer verdaubaren geschmolzenen Käse. Im Alterswohnheim feiert unterdessen Léonie (Christine Schorn) ihren 80. Geburtstag. Sie bringt durch ihr unziemliches Verhalten ihre verklemmte Tochter genussvoll in Verlegenheit. Und in der Stadt sind zwei Teenager auf der Suche nach dem perfekten Geburtagsgeschenk für ihren 18-jährigen Schwarm. Als sie goldene Turnschuhe stehlen wollen, landen sie auf dem Polizeiposten.
Nach Happy New Year (CH 2008) hat Regisseur Christoph Schaub einen weiteren Episodenfilm gedreht, der in Zürich spielt. Doch das erkennen nur Ortskundige. Giulias Verschwinden spielt in einem in Dunkelheit gehüllten Zürich, in dem alle Menschen Deutsch sprechen. Das liegt daran, dass das ursprünglich für Daniel Schmid verfasste Drehbuch von Schriftsteller Martin Suter stammt. Für Schaub war klar, dass der Text nicht in Mundart übersetzt werden sollte.
Das Drehbuch ist voller schlagfertiger Dialoge und herrlicher Bonmots über das Alter und die Befindlichkeit verschiedener Generationen. Besonders die Freunde von Giulia wissen nicht so recht, ob sie sich mehr über die ersten Alterbeschwerden beklagen sollen oder sich doch eher darüber freuen dürfen, dass die Unerfahrenheit und die Verträumtheit der jungen Jahre weit zurückliegen. Lösungen für das unbeschadete Überstehen des Alterungsprozesses bieten Suter und Schaub nicht. Vielmehr schwebt im Hintergrund die «Die Geburt der Venus» von Sandro Botticelli als Symbol für das Unerreichbare: unvergängliche Jugend und Schönheit.
Schaub hat den Film mit zwei HD-Kameras gedreht, um «die Geschichte mit Tempo und Intensität zu erzählen und die Dialoge als spritzigen Schlagabtausch zu gestalten». Durch die reduzierten Schauplätze wirkt die Inszenierung bisweilen zwar ein wenig wie ein Bühnenstück. Doch die treffenden Dialoge und die spielfreudigen Schauspieler sorgen dafür, dass der Film trotz eingeschränkter Bewegungsfreiheit immer einen lebendigen und unbeschwerten Eindruck vermittelt. Nachteil der digitalen Kameras: da viele Szenen mit wenig Licht gedreht wurden, ist das Bild ziemlich düster. Teilweise stört auch die etwas nervös eingesetzte Handkamera. Die Bildgestaltung ist aber durch die vielen Spiegel und zahlreiche den Blick verdeckenden Objekte meist sehr reizvoll. Die formalen Schwächen mindern den Genuss dieser bissigen Komödie über das Alter und das Altern denn auch kaum.
P: T&C Film AG (Zürich), SRG SSR idée suisse (Bern), Teleclub AG (Zürich) 2009. R: Christoph Schaub. B: Martin Suter. K: Filip Zumbrunn. S: Marina Wernli. T: Peter Bräker, Gabriel Hafner, François Musy, Hugo Poletti. M: Balz Bachmann. D: Corinna Harfouch, Bruno Ganz, Stefan Kurt, André Jung, Sunnyi Melles, Daniel Rohr, Teresa Harder, Max Herbrechter, Christine Schorn, Renate Becker. V: Columbus Film AG (Zürich). W: T&C Edition AG (Zürich).
35mm, Farbe, 87 Minuten, Deutsch

