Im Sog der Nacht [Markus Welter]

Von Christina von Ledebur [ Sélection CINEMA ]
Im Sog der Nacht

Roger hat vom Leben die Schnauze voll. Er hat keine Familie mehr, von seiner Freundin hat er sich soeben getrennt. Er will sich umbringen. Doch im allerletzten Moment verlässt ihn der Mut. Er drückt zwar ab, statt sich aber das Gehirn wegzublasen, verletzt er sich bloss am Ohr. Durch den Schuss auf ihn aufmerksam geworden, kümmern sich seine beiden neuen Nachbarn Lisa und Chris um ihn. Bald wird dem Paar klar, dass sie in dem lebensmüden Durchschnittstypen Roger den perfekten Partner für ihren geplanten Banküberfall gefunden haben.

Der Überfall ist akribisch genau geplant, doch unerwarteterweise ist neben dem Bankdirektor auch dessen Frau im Saferaum anwesend. In der Hektik verliert Chris die Fassung und schlägt die Frau nieder. Hals über Kopf fliehen die drei Gauner in die Berghütte von Lisas Tante. Dort erfahren sie durch die Medien, dass die Frau des Bankdirektors verblutet ist. Die Stimmung schlägt um. Erst noch euphorisch glücklich über das erbeutete Geld, beginnt sich in der Dreierkonstellation Misstrauen breit zu machen. Chris’ Skrupellosigkeit stösst Roger vor den Kopf und auch Lisa überkommen Zweifel. Doch sich der Polizei zu stellen, steht ausser Frage und so begeben sich die drei auf die Flucht über die Landesgrenze und geraten mehr und mehr in eine Spirale von Gewalt und Angst. Während Lisa und Roger sich dabei näher kommen, verliert Chris zunehmend die Kontrolle über sich.

Im Sog der Nacht beginnt wie ein waschechter Thriller. Doch schon bald nach dem geglückten Banküberfall wandelt sich der Film in ein Kammerspiel, welches zwar noch immer von grosser Spannung lebt, aber vor allem die Persönlichkeiten der drei Beteiligten ausleuchtet. Die Figur von Lisa steht dabei zwischen den zwei Männern. Und während der eine sich das Leben nehmen wollte und durch Lisa schrittweise zurück ins Leben findet, verliert der andere den Halt im Leben und schlittert dem Tod entgegen.

Die Filmografie des gebürtigen Deutschen Markus Welter, der sich vorwiegend als Cutter bei Filmen wie zum Beispiel Strähl (Manuel Flurin Hendry, CH 2004) einen Namen gemacht hat, bestand bisher aus Werbefilmen sowie einem Kurzfilm. Mit Im Sog der Nacht gibt er ein überzeugendes Kinodebüt. Er verfilmte einen Roman des norwegischen Autors Fredrik Skagen von 1995. Nachdem er während fünf Jahren das Geld für seinen Film zusammengesucht hatte, entstand Im Sog der Nacht letztendlich in Rekordgeschwindigkeit.

Welter konnte für sein Debüt ein tolles Schauspieler-Trio gewinnen. Die Hauptrolle, für die zunächst Dominique Jann vorgesehen war, wird von Nils Althaus (Breakout, Mike Eschmann, CH 2007 / Happy New Year, Christoph Schaub, CH 2008) gespielt. Der Schweizer Shootingstar des Jahres 2006 hat einen schwierigen Stand gegen Stipe Ergec, dem die Rolle des durchgeknallten Aussenseiters wie auf den Leib geschrieben ist. Dies hat der deutsch-kroatische Schauspieler bereits in Die fetten Jahre sind vorbei (Hans Weingartner, D 2004) bewiesen, ein Film übrigens, der beinahe wie eine Vorlage für Im Sog der Nacht scheint. An Ergecs Seite spielt die Deutsche Lena Dörrie, die mit der Rolle von Lisa ein überzeugendes Leinwanddebüt gibt.

P: HesseGreutert Film (Zürich), Greensky Films GmbH (Köln), SF, SWR, Teleclub AG 2009. B: Moritz Gerber, Markus Welter. R: Markus Welter. K: Pascal Remond. T: Christian Heck, Hugo Poletti. S: Cécile Welter, Markus Welter. M: Michael Sauter. D: Nils Althaus, Lena Dörrie, Stipe Erceg, Urs Bihler, Nina Hesse Bernhard, Samuel Weiss, Martin Ostermeier, Thomas Douglas, Manfred Liechti. V: Praesens Film AG (Zürich). W: Arri Media Worldsales (München).
35mm, Farbe, 86 Minuten, Deutsch/Schweizerdeutsch.