Mein Name ist Bach [Dominique de Rivaz]
| Von Doris Senn | [ Sélection CINEMA ] |
Ausgehend von einer historisch verbürgten Tatsache – der Begegnung zwischen dem Maestro und dem den schönen Künsten zugewandten Friedrich dem Grossen –, lässt uns Dominique de Rivaz in die Zeit des Barocks eintauchen. Jegliche Bedenken seien ausgeräumt: Die Regisseurin, die schon mit ihrem aussergewöhnlichen Kurzfilm Jour de bain (1994) auf sich aufmerksam machte, liefert keinen «Kostümfilm» in ungeknitterter Hochglanzästhetik, sondern ein kleines, synästhetisches Schmuckstück an geschichtlicher Aufarbeitung und Fiktion (Szenenbild: Lothar Holler). Das schummrige Dunkel der Nacht, erleuchtet einzig von den dumpfen Lichtpunkten der Kerzen, der Schweiss, die gepuderten, teils zotteligen Perücken, die Kleider, die sich mit dem Schmutz der Strassen voll saugen, der Klang der Musik, die – noch unkonservierbar – ein kostbares Privileg der wenigen Begabten und Begüterten war: All dies lässt sich in Mein Name ist Bach sinnlich nachempfinden.
Und damit nicht genug: Er lässt uns die Tragik des grossen Musikers nachvollziehen, der mit dem Verdikt leben muss, bald zu erblinden. Er führt aus, was es heisst, als Bachs Sohn im Schatten des grossen Vaters zu leben: sei es Friedemann – dem ersten unabhängigen Musiker der Neuzeit –, oder Emanuel, der mit Frau und Kind eine gesicherte Stellung am Hof vorzieht. Mein Name ist Bach lässt aber auch das Drama eines Königs auferstehen, der vom autoritären Vater kujoniert wurde und nun seine Umgebung tyrannisiert – seien es seine männlichen Liebhaber oder die freiheitsliebende Schwester.
All dies inszeniert Rivaz mit erstaunlicher Leichtigkeit und feinem Humor. Dieser findet sich auch in den Kostüminterpretationen Vivienne Westwoods wieder. Oder in den amüsanten Abstechern ins Experimentelle: etwa wenn Friedrich und Bach mit dem Dromedar durch eine Dünenlandschaft reiten, wenn ein grossformatiges Bühnenbild mitten in der Wiese das neu erbaute Schloss Sanssouci zeigt oder wenn König und Musiker sich auf einem Dachboden bei einer Jamsession vergnügen (Musik: Frédéric Devreese) – libertäre Verfremdungen, die den historischen Stoff zu einem Leckerbissen machen.
P: Twenty Twenty Vision (Berlin), Pandora Films (Köln), CAB Productions (Lausanne) 2003. B: Dominique de Rivaz, Jean-Luc Bourgeois, Leo Raat. R: Dominique de Rivaz. K: Ciro Cappellari. T: Ingrid Städeli, Hugo Poletti. S: Isabel Meier. Aus: Lothar Holler. Kostüme: Vivienne Westwood, Friederike von Wedel-Parlon, Regina Tiedeken, Britta Krähe. M: Frédéric Devreese. D: Vadim Glowna, Jürgen Vogel, Karoline Herfurth, Anatole Taubmann, Paul Herwig. W: Bavaria Film International (Geiselgasteig).
35 mm, Farbe, 97 Minuten, Deutsch.

