FELIX AEPPLI

LADY JANE UND ANDERE KOSTBARKEITEN — DIE ROLLING STONES IM FILM

ESSAY

Ein Filmschatz von weit über zweihundert Stunden Spieldauer - bestehend aus TV-Shows, Promo-Filmen, Wochenschauen, Dokumentarberichten, abendfüllenden Konzertfilmen, Amateurproduktionen auf 8 mm, Super-8 und Video sowie aus Spielfilmen und Videoclips - dokumentiert nicht nur jeden einzelnen Karriereschritt der greatest rock ’n’ roll band in the world, er ermöglicht auch einen repräsentativen Längsschnitt durch fünfundzwanzig Jahre Musikfilm.

Live und „live“

Der Auftritt, mit dem die Rolling Stones im November 1963 in der englischen TV-Show Thank Your Lucky Stars ihre zweite Single I Wanna Be Your Man vorstellten, ist ein typisches Beispiel für eine Konzertaufnahme am Vorabend des Beat-Zeitalters. Die Sendung ist mit lediglich zwei Kameras gefilmt; dabei dominiert die Halbtotale, welche nur ab und zu von Grossaufnahmen der Musiker durchbrochen wird. Der Auftritt der Stones wirkt dadurch ausgesprochen statisch: Dieser Eindruck wird durch das Studio-Dekor verstärkt, das eher an eine Messe für Küchenschränke erinnert als an die Umgebung einer Rock-Show. Zuschauer fehlen gänzlich; nur (eingeblendeter?) Schlussapplaus ist zu hören. Dennoch hält die Show eine Überraschung bereit: Der Sound von 1 Wanna Be Your Man entspricht nicht demjenigen der Plattenveröffentlichung. Dies heisst nicht unbedingt, dass die Aufnahme live gefilmt wurde. Es war damals üblich, Musikstücke vor Fernsehsendungen aufzuzeichnen und sie dann während der Ausstrahlung im Play-Back-Verfahren einzuspielen, häufig ohne Gesangs-Teil, der als einziger live dargeboten wurde. Dies trifft zum Beispiel für den berühmten Auftritt der Rolling Stones in der amerikanischen TAMI-Show vom Oktober 1964 zu. Dessen sechs Songs tauchen immer wieder, wenn auch kaum je vollständig, in Kompilations-Filmen auf. Bemerkenswert an dieser Show war neben der Besetzung (The Supremes, Chuck Berry, The Beach Boys und andere) das Aufzeichnungsverfahren: Der Film wurde elektromagnetisch aufgenommen, als frühes Videoband.

Eine um einen Monat ältere Pathé-Wochenschau unter dem Titel Rolling Stones Gatber Moss ist der erste Farbfilm der Gruppe. Dieses Dokument ist in praktisch allen Reportagen über die Stones zumindest auszugsweise zu sehen. Die vollständige, sechsminütige Wochenschau beginnt mit dem erfolglosen Versuch der fünf Bandmitglieder, per Autostopp an einen Auftrittsort zu gelangen. Hernach kommt frontal das Gebäude des ABC-Cinemas in Hüll ins Bild; die Kamera fährt der Schlange der wartenden Fans an der linken Seitenwand des Kinos entlang, um sogleich vor den Eingang zurückzukehren, wo eine Dreizehnjährige mit Rossschwanz, Stupsnase und einem Mick-Jagger- Knopf am dunkelblauen Schuljacket auf den Einlass wartet. Die Stones geben mittlerweile im Foyer des Kinos eine improvisierte Pressekonferenz. Endlich öffnen sich die Tore zur längst ausverkauften Show: Boys mit Buddy-Holly- Frisuren und Mädchen in Klüpplisäcken eilen auf ihre Plätze. Noch aber bereitet sich die Band hinter der Bühne auf den Auftritt vor; Bassist Bill Wyman ordnet seine Manschetten und beschäftigt sich mit Fan-Post. Im Saal ist derweil der Teufel los: Aus nur leicht erhöhter Perspektive blickt die Kamera in die erwartungsvoll kreischenden Fans. Plötzlich sehen wir die Stones im Scheinwerferlicht auf der Bühne - vom Balkon herab, weiter entfernt denn je. Drei, vier Sekunden stehen sie reglos, während die Stimmung im Saal in Hysterie überzuschwappen droht. Dann nochmals eine Naheinstellung auf ein Mädchen in einem grauen Pullover, das ekstatisch die Hände Richtung Bühne reckt und nach Mick ruft. Dann endlich ertönen, schon fast eine Erlösung, die ersten Takte des Rockers Around and Around. Während der ersten Strophe wird zwischen Mick Jaggers Gesicht in Grossaufnahme und Porträts verzückter Konzertbesucherinnen hin- und hergeschnitten. Mit dem Refrain geht die Kamera etwas auf Distanz: Vor einem gewellten, silberfarbenen Theatervorhang setzt Jagger zu einer Tanzeinlage an, die sein Hinterteil betont. Allzu detailliert wagt die Kamera die Performance freilich nicht ins Bild zu bringen: Die Hinteransicht wird in der oberen Hüftgegend beschnitten. Auch im weiteren Verlauf des Songs wird dank der raffinierten Montage kaum jemand sich daran stossen, dass der Filmsound ab Platte kommt und lediglich mit einer geschickt gemischten Livespur unterlegt wurde.

Ready, Steady, Go! - zwischen 1963 und 1967 jeweils am Freitagabend während 45 Minuten von London Rediffusion ausgestrahlt - war jene TV- Show, die alle weiteren Musikfernsehsendungen der sechziger Jahre prägte. Die Rolling Stones waren regelmässige Gäste der Sendung, anfänglich mit gemimten Live-Auftritten zu eingespieltem Plattensound, wobei Mick Jagger seinen Harmonika-Einsatz in Little Red Rooster einmal übel verpasste.

(I Can’t Get No) Satisfaction von Anfang September 1965 indes war live gespielt und enthielt alle Qualitäten von Ready, Steady, Go!: bewegliche Kameraführung, schnelle, geradezu hektische Schnitte und Zooms, Gegenlichtaufnahmen mitten hinein in die Scheinwerfer oder Deckenspots, Posters, die übers ganze Studio verteilt waren, Jugendliche, tanzende Zuschauer in Armlänge zu den Stars, dazu eine modische Moderatorin, der Generation der Interpreten angehörend.

Bald einmal waren die Stones infolge ihrer Popularität nicht mehr in der Lage, sämtlichen Nachfragen nach TV-Auftritten zu genügen. Sie gingen in dieser Situation dazu über, Promo-Filme zu ihren Songs zu drehen, die dann den Fernsehstationen angeboten wurden, direkte Vorläufer der heutigen Videoclips. Regisseur der ersten Promo-Filme war Peter Whitehead, der bereits im September 1965 einen charmant-naiven fünfzigminütigen Dokumentarfilm, Charlie Is My Darling, über eine kurze Irlandtournee der Band gedreht hatte. Whiteheads erster Promo-Film für die Stones, Have You Seen Your Mother, Baby, Standing in the Shadow? (1966), zeigte die Band live in London auf der Bühne der Royal Albert Hall. So raffiniert ist die Montage dieses Dreiminutenstreifens, dass man erst nach mehrmaliger Visionierung realisiert, dass der Sound einmal mehr ab Platte kommt und selbst dann noch weiter zu hören ist, als die Bühne längst von begeisterten Fans gestürmt worden ist. Aus exakt demselben Filmmaterial schnitt Whitehead einen zweiten Promo-Film - Lady Jane, ein kleines Meisterwerk: Mit dem Stilmittel der slow motion entsprach dieser Film exakt dem weichen Klang des Stückes. Gleichzeitig reflektierten die Bilder von den Zusammenstössen Jaggers mit seinen vorwiegend weiblichen Fans das Thema des Songs, die Liebe, die an den Klassengegensätzen scheitert. - Im Juli 1967, als drei Mitglieder der Stones in Drogenprozesse verwickelt waren, zog Whitehead mit dem Promo-Film für We Love You eine Parallele zwischen diesen Prozessen und Oscar Wildes Verurteilung wegen Homosexualität um die Jahrhundertwende. Der Film, der auch als The Trials of Oscar Wilde bekannt ist, beginnt mit Ketten an den Schuhen eines Häftlings, dann fällt eine Gefängnistür ins Schloss, und Mick Jagger verschwindet hinter Gittern; Bilder der Plattenaufnahme von We Love You sind in Zeitraffer und mit Mehrfachbelichtungen geschnitten, um dem hektischen Klavier-opening des Stücks zu entsprechen; es folgen Porträts der fünf Musiker, von denen der völlig verladene Brian Jones gerade noch imstande ist „what?“ in Richtung Kamera zu hauchen, bevor er wegtaucht; genauso taucht der Film nun ein in eine Gerichtsszene, in der Keith Richards mit einer weissen Papierperücke als Richter amtet; Jagger spielt den Angeklagten Oscar Wilde und Marianne Faithfull dessen Freund Bosie; auch im Gerichtssaal steigt ein unmissverständliches Rauchwölkchen auf. All dies war zuviel für die BBC: Sie weigerte sich, The Trials of Oscar Wilde auszustrahlen. Seine Premiere hatte der Film am deutschen Fernsehen, als dieses am 1. September 1967 auf Farbe umstieg.

Schon vor der Uraufführung des ersten Beatles-Films, A Hard Day’s Night (Richard Lester, 1964), waren die Rolling Stones als Darsteller für einen Spielfilm im Gespräch. In der Presse wurden in der Folge verschiedene Projekte breitgeschlagen, und im Oktober 1966 fanden sich tatsächlich alle fünf Mitglieder der Band in den MGM-Studios in Boreham Wood ein. Doch auch in diesem Fall kam der geplante Film, Only Lovers Left Alive, nie über Probeaufnahmen hinaus. Als Einzelmitglieder hatten die Stones aber in den sechziger Jahren durchaus mit Spielfilmen zu tun: Brian Jones komponierte den zu Unrecht vergessenen Soundtrack zu Mord und Totschlag (Volker Schlöndorff, 1967); Keith Richards trat in einer Nebenrolle in Schlöndorffs nächstem Film auf, Michael Kohlhaas - Der Rebell (1968); Mick Jagger spielte den Synthesizer-Soundtrack zu Kenneth Angers Kurzfilm Invocation of My Demon Brother (1969) und verkörperte in Performance (Nicholas Roeg, 1970) und in Ned Kelly (Tony Richardson, 1970) die Hauptrollen: einen zurückgezogenen Popstar in dekadenter Umgebung im ersten, einen australischen outlaw im zweiten Film.

Revolutionäre im Privat-Jet?

One Plus One (Jean-Luc Godard, 1968) blieb bis zum heutigen Tag der einzige abendfüllende Spielfilm mit den Rolling Stones als Gruppe (wenn auch nicht als Schauspielern). Rund die Hälfte dieses Films nehmen Plattenaufnahmen zum Stück Sympathy for the Devil ein, die im Juni 1968 im Londoner Olympic Studio gefilmt wurden. Einen Monat nach dem heissen Pariser Mai ging es Godard um die Kernfrage nach der politischen Revolution. Die traditionelle Politik hat abgedankt, dies wird anhand eines politischen Schundromans verdeutlicht, aus dem während One Plus One etappenweise im Off vorgelesen wird. Mehr noch: Politische Macht neigt zur Perversion, deshalb wird die Lektüre von Hitlers Mein Kampf in einen Pornoshop verlegt. Hoffnung für eine Revolution sieht Godard demgegenüber zum einen in der Erhebung der Farbigen: Ausführlich und mit reichlichem ideologischem Gepäck befrachtet, erklären Vertreter der Black Power-Bewegung ihre Position, in einem mit Autowracks vollgestopften Hinterhof, der unübersehbar die Trümmer der weissen Zivilisation versinnbildlicht. Hoffnung liegt andrerseits in einer Kulturrevolution, für die die Rolling Stones mit ihrer Musik stehen. Immer wieder beginnen die Stones neu mit der Aufnahme zu Sympathy for the Devil, dem Song, der wie kein anderer vom politischen Umsturz handelt. Godard begleitet die Aufnahmen mit ungeschnittenen Einstellungen von mehreren Minuten. In einem Gruppenprozess überwinden die Rolling Stones schliesslich die Schwierigkeiten und finden die richtige Instrumentierung für den Song. Mit dem letzten Kapitel des Films, das in Anspielung auf eine der berühmtesten Inschriften vom Mai 1968 mit „Under the Stone the Beach“ überschrieben ist, gewinnt One Plus One endlich die Sinnlichkeit, die dem Film während der beinahe endlosen Politreferate fehlt: Zu den Klängen eines Studio-jams hebt die Kamera, von einem Kran gehoben, auf einem Strand gegen den Himmel ab, versehen mit einer roten und einer schwarzen Fahne.

Verkörperte One Plus One die Hoffnung auf eine revolutionäre Erhebung, so dokumentiert Gimme Shelter (A. und D. Maysles, Charlotte Zwerin, 1970) ein erstes, massives Scheitern dieser Bewegung. Dabei brachte der Sommer 1969 zunächst drei Manifestationen der Gegenkultur, die an Zulauf alle Erwartungen übertrafen: Das Gratiskonzert der Rolling Stones im Londoner Hyde Park - das im einstündigen Video The Stones in the Park dokumentiert ist -, die drei Tage von peace, love and music in Woodstock, sowie das Festival auf der Isle of Wight. Mit dem Gratiskonzert, das die Rolling Stones zum Abschluss ihrer nächsten US-Tournee zu geben gedachten, sollte an diese Erfolge angeknüpft werden. Doch die Veranstaltung vom 6. Dezember 1969 in Altamont geriet zur Katastrophe: Während des Stones-Auftritts, bei laufender Kamera, wurde der Schwarze Meredith Hunter erstochen. Gimme Shelter nahm sich explizit vor, die Vorkommnisse rund um diesen Tag zu klären. Mick Jagger und Charlie Watts kommentieren im Film selbst laufend das Geschehen. Musikalisch waren die Stones 1969 wohl auf dem Höhepunkt. Dies belegen gleich zu Beginn von Gimme Shelter Konzertaufnahmen aus dem New Yorker Madison Square Garden, dem Konzert unmittelbar vor Altamont, von dem auch ein Teil der Aufnahmen des Live-Albums Get Your Ya-Ya’s Out! stammt. Mit den vielen, häufig auf der Bühne mit der Handkamera aufgezeichneten Bildern erreicht Gimme Shelter durchaus die Intensität dieser hervorragenden LP. Von New York reisen die Stones nach Alabama; locker wippt Keith Richards im Muscle Shoals Studio mit der Spitze seines Schlangenleder-Stiefels zu den Klängen eines eben neu aufgenommenen Titels, Wild Horses. An der Westküste häufen sich derweil die Schwierigkeiten: Nur mit Mühe lässt sich überhaupt ein Auftrittsort für das Gratiskonzert finden. Aus den ganzen USA sind bereits Fans nach Kalifornien unterwegs. Viele bleiben auf der Anfahrt stecken. Nach einer Nacht mit Temperaturen unter Null sind zahlreiche Konzertbesucher auf dem Gelände der abgelegenen Autorennbahn von Altamont durchfroren. Doch sobald die Flying Burrito Brothers mit ihrem Country-Rock die Show eröffnen, kommt Festival-Stimmung auf: Die Sonne scheint, Seifenblasen steigen, Hunde tollen verspielt herum, und man glaubt wieder an die greatest party of 1969. Rasch aber häufen sich die Zeichen des Unheils: Ein Musiker der nächsten Band, Jefferson Airplane, wird von einem Mitglied der Hell’s Angels, die den Ordnungsdienst versehen, niedergeschlagen; Dutzende von Konzertbesuchern befinden sich auf einem schlechten Drogentrip; ärztliche Hilfe ist offensichtlich kaum verfügbar. Mick Jagger wird gleich bei seiner Ankunft auf dem Gelände geschlagen und flüchtet sich in einen Wohnwagen, den er erst am späten Abend zum Auftritt der Rolling Stones wieder verlässt. Zweimal muss die Band zu Sympathy für the Devil ansetzen, so gross ist zu diesem Zeitpunkt das Gerangel auf der Bühne, so unübersehbar sind die andauernden Schlägereien im Publikum: „If we are all one, then let’s show it“, appelliert Jagger an die Zuschauer, doch mit wenig Erfolg. Dann, während der letzten Takte des nächsten Songs, Under My Thumb, wird wenige Meter von der Bühne entfernt ein Mann mit einem Messer von hinten erstochen. Jagger lässt sich die Szene auf dem Monitor zweimal vorführen; es ist ihm offensichtlich unwohl dabei. Doch viel fällt ihm nicht ein: „It was so horrible“, meint er kopfschüttelnd und wendet sich dann ab. Indem die Filmgestalter ihn mit dieser Bemerkung entkommen lassen, tragen sie das ihrige dazu bei, die Stones von ihrer Verantwortung reinzuwaschen und den prügelnden Hell’s Angels die alleinige Schuld an der Katastrophe von Altamont zuzuschanzen. Dennoch bleibt Gimme Shelter einer der intelligentesten und besten Filme der Rockgeschichte.

Cocksucker Blues (Robert Frank, David Seymour) hat legendären Status: Der Film, von den Stones selber anlässlich der US-Tour 1972 produziert, ist nie offiziell aufgeführt worden, weil Schwierigkeiten mit der Polizei und den Einwanderungsbehörden zu befürchten waren. Tatsächlich wird in dem Film gekifft, dass die Tische wackeln, und natürlich ist auch der berüchtigte Titelsong, der Schwanzlutscher-Blues zu hören, Reflexionen eines nach London abgehauenen Schülers: „Where am I gonna get my cock sucked, where can I get my ass fucked?“ Mick Jagger holt sich mal zu einem Klaviersolo von Keith Richards einen runter und gibt sich reichlich Mühe, den personifizierten Luzifer der Rockmusik zu spielen. Doch aus heutiger Sicht ist vieles in dem Film kalter Kaffee, beispielsweise die drei nackten Groupies im Privat-Jet der Stones oder das TV-Gerät, das Keith Richards und Saxophonist Bobby Keys aus einem Hotelzimmer auf einen Parkplatz hinunterschmeissen (diese beiden Szenen sind übrigens im offiziellen Video-Sampler der Stones, Rewind, von 1984 enthalten). Am besten überlebt hat in Cocksucker Blues die Musik, seien es die hackstage jams, seien es die Bühnenversionen von Midnight Rambler, Brown Sugar und Happy. Für die Songs kann man sich allerdings auch gleich an den offiziellen Film der 72er-Tour, an Ladies And Gentlemen: The Rolling Stones (Rollin Binzer, 1974), halten, der je zwei Shows von Fort Worth und von Houston zu einem reinen Konzertfilm ohne jeden Kommentar verbindet.

Fernsehauftritte der Rolling Stones während der siebziger Jahre lassen sich an einer Hand abzählen. Dagegen hielt die Band für jede neue Plattenveröffentlichung seit Goat’s Head Soup (1973) eine Reihe von Promo-Filmen bereit. Diese Filme wurden teilweise von Regisseuren gedreht, die heute unter den Videoclip-Gestaltern zur ersten Garde gehören. David Lindsay-Hogg, den die Stones von Ready, Steady, Go! kannten, zeichnete unter anderen für die beiden Fassungen von Angie (1973), für It’s Only Rock’n’Roll (1974) und für Miss You (1978) - alles reine Musikfilme - verantwortlich, ebenso für Neighbours und Waiting on a Friend (1981), die beide eine Spielhandlung enthalten. Von Adam Friedman stammen die thermographischen Aufnahmen zu Emotional Rescue und Where the Boys Go (beide 1980). Eine Fassung von Emotional Rescue sowie She’s So Cold (1980) wurde von David Mailet gedreht, der für die BBC gearbeitet hatte und in den achtziger Jahren mit Clips für David Bowie berühmt wurde. Julien Temple liess in Undercover of the Night (1983) via Fernsehschirm neben dem Konzertvideo auf einem zweiten Kanal einen Report über eine Geiselnahme laufen, eine filmische Brechung, die er ähnlich im bluttriefenden Too Much Blood (1984) noch einmal anwandte. Fritz the Cat-Regisseur Ralph Bakshi mischte für Harlem Shuffle (1986) Spielszenen mit Trickfilm, und Duran Duran-Spezialist Russell Mulcahy steuerte das horrorig-gewalttätige One Hit (To the Body) (1986) bei.

Neben diesem offiziösen Teil der Selbstdarstellung der Rolling Stones gibt es eine kaum überblickbare Menge von Amateur-Filmen, die bis in die Anfangszeit der Band zurückreicht. Schon im Oktober 1964 wurde ein Auftritt der Band im kalifornischen Santa Monica in einem stummen, kurzen 8mm-Film festgehalten. Der Kameramann kam dabei so nahe an die Bühne heran, dass im Film deutlich die Schatten zu sehen sind, die Bill Wyman mit seinem senkrecht gehaltenen Bass auf seine Augen wirft, damit er die girls in the front row besser betrachten kann. In Europa waren 8mm-Filmer erstmals 1967 aktiv, in Köln gar bereits in Farbe. Damals, sowie 1970 und 1973, mussten die 8mm-Filmer, wollten sie die Stones auch hören, ihre Produkte nachträglich vertonen. Mit der Einführung von Super-8 wurden bei der Europa Tournee von 1976 erstmals Direktton-Aufnahmen möglich, wobei es allerdings die beschränkte Länge der Filmspulen kaum je zuliess, einen Song vollständig auf Amateurfilm aufzunehmen. Während der US-Tour 1981 und der Europa-Tournee im folgenden Jahr waren erstmals bei Stones-Konzerten private Videokameras im Einsatz, mit denen nun ganze Konzerte aufgezeichnet wurden. In den besten Fällen lassen sich diese Aufnahmen kaum von den offiziellen Fernsehbildern unterscheiden, in den unglücklicheren Fällen, die leider die Mehrzahl ausmachen, sind sie verwackelt, unscharf und aus viel zu grosser Distanz gedreht, so dass die naturgemäss mit einer einzigen Einstellung operierenden Werke einen rasch ermüden. Auf dem zweieinhalbstündigen Amateurvideo The Rolling Stones Live at Cologne (1982) beispielsweise sind die Musiker, sofern sie nicht gerade von klatschenden Zuschauern verdeckt werden, auf dem Fernsehbild gerade noch anderthalb Zentimeter gross. Doch man kann diesen Film auch als Cinéma vérité wider Willen betrachten, indem man die achtzig Meter weit entfernte und nur verschwommen hörbare Band vergisst und sich auf die Konzertbesucher konzentriert: Links vom Kamerastandort muss sich ein Anziehungspunkt von grosser Reichweite befinden; ob es sich dabei um eine Würstchenbude handelt?

Into the 80’s

Die Europa-Tournee von 1982 war ein Medienereignis sondergleichen: Kein Land, in dem die Stones auftraten, liess es sich nehmen, der Gruppe einen Fernsehbeitrag zu widmen. ORF wartete mit der sehr sorgfältigen Dokumentation Rolling Stones - Die ersten zwanzig Jahre (Dolezal, Rossacher) auf. Die BBC beschäftigte sich in mehreren Sendungen mit der Frage, ob der Ton in Bristol nicht doch zu laut ausgesteuert worden sei. Es war sozusagen die alte Diskussion um die Haarlänge in einem neuen, grünen Gewand. Selbst die Japaner waren an einem Stones-Konzert in London zugegen und interessierten sich für die Beziehung zwischen Rockmusik, Punk und Falklandkrieg. Betupft waren die Deutschen, weil die Rolling Stones - wie im Jahr zuvor in den USA - Fernsehteams nur während der ersten drei Nummern ihrer Show zuliessen: Ein hornbebrillter Moderator im hellen Sommeranzug sprach von „der zusammen 190 Jahre zählenden Rockgruppe“, die allein für eine „Renaissance ihrer Kassen“ unterwegs sei. Die Italiener nahmen es lockerer: RAI 1 liess in einer Sommerfrische zwei Achtundsechziger, einen musicologo und einen docente di inglese, beim gekühlten Weissen über Gott, die Welt und die Stones philosophieren, während gleichzeitig unten in Neapel die letzten Vorbereitungen zur Show liefen.

Unmittelbar nach Abschluss der Europatournee kam der Film über die US-Tour 81 Rocks Off (bzw. Let’s Spend the Night Together, wie er später in den USA hiess, Hai Ashby, 1982) in die Kinos, ein Konzertfilm, der sich sehr simpel gibt, aber äusserst aufwendig inszeniert wurde. Ein volles Dutzend Kameras war im Einsatz, selbst ein Helikopter kreiste über dem Stadion von Phoenix, wo die erste Hälfte des Konzerts aufgenommen wurde (der Rest stammt aus der Brendan Byrne Arena in Meadowlands). Zwischen den einzelnen Songs bleibt kaum Zeit für einen Applaus, damit das zweieinhalbstündige Konzert auf normale Kinolänge gebracht werden kann. Doch Aufwand und Ertrag stimmen nicht überein: Rocks Off wirkt erstaunlich kühl, teilweise geradezu steril. Hal Ashby war erfolgreicher bei der Übertragung des Konzerts aus Hampton zum Abschluss derselben US-Tournee. In dieser Live Reportage für ein amerikanisches Kabel-TV gibt es keine Schnörkel, keine überflüssigen Tricks, keine unnötigen Überblendungen und keine unmöglichen Kamerawinkel.

Die Europa-Tournee von 1982 blieb für sieben Jahre die letzte gemeinsame Unternehmung der Rolling Stones als Gruppe, abgesehen von den Aufnahmen zu den Alben Undercover (1983) und Dirty Work (1986) und einem Konzert im kleinen 100 Club in London. Jedes Mitglied der Stones verfolgte seit 1982 einen eigenen Weg, was jedoch der filmischen Aktivität keinen Abbruch tat. Am aktivsten war Bill Wyman: Er produzierte den semi-autobiographischen Film Digital Dreams (Robert Dornhelm, 1983), beteiligte sich an der Produktion von Dornhelms nächstem Film, Echo Park (1985), schrieb den Titelsong zum Schocker Phenomena (Dario Argento, 1985) und hatte einen Kurzauftritt in Eat the Rich (Peter Richardson, 1987). Mick Jagger, der schon Anfang der achtziger Jahre als rechte Hand von Fitzcarraldo in Werner Herzogs Mammutunternehmen vorgesehen war (Burden of Dreams, Les Blank, 1983, berichtet darüber), spielte die Hauptrolle in Andersens Märchen Nightingale (Ivan Passer, 1983, amerikanisches Kabel-TV) und hernach im abendfüllenden Video Running out of Luck (Julien Temple, 1986) mit Songs zu seiner eigenen Solo-LP She’s the Boss. Keith Richards war Musikproduzent und Gitarrist in Personalunion in Hail! Hail! Rock’n’Roll (Taylor Hackford, 1987), dem Porträt zum 60. Geburtstag von Chuck Berry, das unter anderem dadurch fasziniert, was der schwarze Rocker vor der Kamera nicht zum besten gibt. Und Ron Wood hatte einen Kurzauftritt im Yuppie-Porno 9 ½ Weeks (Adrian Lyne, 1987)) und spielte in Bob Dylans Band in Hearts of Fire (Richard Marquand, 1987).

Videotechnik hat schliesslich auch Rückwirkungen auf die musikalischen Live-Auftritte der Rolling Stones. Bereits während der US-Tour von 1981 wurde in Houston das Bühnengeschehen auf eine Riesenleinwand innerhalb des Stadions übertragen, ebenso dann 1982 im Londoner Wembley Stadion und in Leeds. Im Oktober 1988 ging Mick Jagger während seiner Solotournee in Australien noch einen Schritt weiter, indem er während der Konzerte zu zwei Songs, Radio Control und Party Doll, Filmfassungen einspielen liess, die speziell für den Auftritt gedreht worden waren. Wohl möglich, dass die Stones in ihrer bei Redaktionsschluss unmittelbar bevorstehenden US-Tour 1989 eine ähnliche Überraschung bereithalten für all jene Kids, die den Rock nur noch von den Videoclips her kennen.

Felix Aeppli
Keine Kurzbio vorhanden.
(Stand: 2020)
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