CLAUS-DIETER RATH

NOTIZEN ZUR „KULTURGESELLSCHAFT“

ESSAY

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Kultur ist gesellschaftlicher Natur. Sie umfasst die Lebenstechniken, Ethiken und Ästhetiken einer sozialen Gruppierung, regelt das Verhältnis zum eigenen Körper, zur Aussenwelt und die Beziehungen zu anderen Menschen. Noch das „individuellste“ Individuum ist ihr unterworfen. Wenn dieser symbolischen Ordnung nachgekommen wird oder einzelne Kulturphänomene auf Widerstand stossen, heisst das noch nicht, dass deren Struktur und Funktionsweise voll bewusst sind. Liegen jeder Gesellschaft kulturelle Gesetze zugrunde, werden in der „Kulturgesellschaft“ ihre kulturellen Werte und Kulturleistungen Hauptthema, Problem, Propaganda. Was aber Gesellschaften ihre „eigene“ Kultur nennen, ist nicht unbedingt deren Hauptzug. Setzt nicht ein erträglicher Zusammenhalt der Gesellschaftsmitglieder die Verkennung der symbolischen Ordnung voraus?

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Über Telekommunikationsnetze scheinen die Weltkulturen am abgelegensten Ort verfügbar - als könne man, gleichsam per Fernbedienung, von einer Kultur zur anderen umschalten. In der Tat erweitern diese Netze - als Ausläufer und Instrumente gesellschaftlicher Umbrüche - traditionelle Erfahrungsbereiche und Vermittlungsformen. Zugleich fragmentieren sie die spezifischen Erfahrungswissen, sozialen und politischen Sinnstrukturen und verschmelzen deren Bruchstücke zu neuen Gebilden. Der Diagnose „Mosaikkultur“ entgeht allerdings, dass die Verfügbarkeit solcher Mosaiksteinchen und der Umgang mit ihnen, dass der „Gusto“, dem die individuelle Lebensführung bloss noch folgen brauche, nicht beliebig sind. Zwar bestimmen Verwandtschaftsbande, Wohnsitze, wirtschaftliche, politische und religiöse Parameter im Zeitalter der Individualität, Pluralität und verstärkten Selbstkontrolle (anstelle rigider sozialer Kontrolle) für sich allein kaum mehr den Ort eines Subjekts in der Gesellschaft, und doch ist es, bei aller scheinbaren Beliebigkeit, stets einer Struktur verhaftet. Noch die verwickeltsten individuellen Strategien lassen eine Form durchscheinen, die aber das Subjekt nur schwerlich anerkennt. Noch auf der Mikroebene der feinen Unterscheidungen in den Selbstausstattungen (an denen man etwa einen „Lebensstil“ abzulesen pflegt), die mitbestimmen, wer mit wem sich zusammentut und wer mit wem auf keinen Fall, finden sich Äquivalente strenger gesellschaftlicher Verhaltensregeln. Deren „Informalisierung“ bedeutet ja nicht eine allgemeine Schwächung verbindlicher Verhaltensregeln, sondern - aufgrund deren Zersplitterung und der Neuverknüpfung ihrer Teile zu anderen Ordnungsmustern - eher eine Komplizierung der logischen Struktur.

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Derartige Strukturen wollen gelesen sein. In der Tat liegt - zumindest für Europa - das Problem des wieder und wieder beschworenen Niedergangs der Lesekultur weniger in mangelnder Alphabetisierung oder mangelndem Textkonsum, als in mangelhafter Kenntnis dessen, wie Texte zu lesen, wie deren Logik zu erschliessen sei. (Dies mag auch auf den Rückgang religiöser Textpraktiken - zugunsten gläubiger Gestimmtheit - und auf die Zerstörung jüdischer Kultur zurückzuführen sein.) Sinnsucht, emphatisches Fühlen- und Verstehenwollen, vermeintlich direkter Kontakt zur „Persönlichkeit“ des Autors, schnelles Einverständnis oder Verwerfung haben wiederholte buchstäbliche Lektüre, Aufspüren der einem Text innewohnenden Denkbewegung und Widersprüche verdrängt. Attraktiver sind im Zeitalter der Erfahrungsarmut Sinnformeln und dramaturgische Module: die programmhafte Darbietung „bedeutender Kulturgüter“, Zeugnisse der Vergangenheit („als die Dinge noch Geschichte hatten“), lokale Mikrogeschichte, Weisheiten und Pseudorituale des Folklorismus, Leibesübungen, Seelensuche, Fernsehserien, mystische Erfahrung. Im merkwürdigen Gegensatz zum postmodernen Postulat anything goes eröffnet sich im Interesse der Schaffung von Kontinuitäten und symbolischen Orientierungsmarken ein enormer Markt der Kulturgeschichten und Kulturleistungen: Kulturgeschichte des Radios, des Hutes, des Aufzugs, des Essens, Trinkens, des Sex’ ... Abgegrast werden Regionalkulturen, Arbeiterkulturen, Frauenkultur, Männerkultur, Kinderkultur, Minderheitenkultur, Kultur der Bergbauern, der Zigeuner und der Seeleute, Kultur des Faschismus und des Widerstands. Immer weiter wird nach Lebensordnungen geforscht, in die man sich wohlgefällig und ohne Not einbinden könne. Die eigene Lebenspraxis lässt sich dann, hat man einmal die geeigneten Versatzstücke zum Individualmythos zusammengeleimt, als kulturelles Gesamtkunstwerk imaginieren - ohne peinlichen und peinigenden Rest.

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Nachdem die Welt nun erfahren und alles - in die Nahwelt herangeholt - zu „Umwelt“ geworden scheint, mobilisieren sich im Subjekt des 20. Jahrhunderts Überempfindlichkeiten. Die Vorstellung des Geschützt- und Umsorgtseins weicht der Überzeugung, dass es einem übel besorgt wird.

Besonders deutlich wird dies im Bereich der Esskultur. Galt die Institution „Mahl“ dem Bürger noch zu Jahrhundertbeginn als das Ritual und Symbol, „an dem sich die Sicherheit des Zusammengehörens immer von neuem orientierte“, so kommt dem zeitlich, räumlich und sozial ungebundenen Essen kaum mehr der Charakter einer formalisierten gemeinschaftlichen Handlung zu. Um so mehr wird es einem abstrakten Begriff der „Kommunikation“ subsumiert. Das Reden von Esskultur, die Verbreitung von Begriffen und Bildern des Essens in Massenmedien und alltäglichen Gesprächen haben das „Mahl“ ersetzt.

Nahezu bedenkenlos sind wir bereit, unbekannte, oft exotische Nahrungsmittel und noch nie gesehene Zubereitungsvarianten einzunehmen. Doch unversehens macht sich eine anthropologische Struktur bemerkbar - das Phänomen der Vergiftungsangst. Der Esser des 20. Jahrhunderts muss sich gegen das Essen verteidigen. Nicht mehr als dessen Bemächtiger oder Meister fühlt er sich, sondern als potentielles Opfer. Er fürchtet, von ihm zersetzt und zerfressen zu werden. Während in archaischen Gesellschaften „reine“ und „unreine“, verbotene und erlaubte Speisen klar unterschieden sind, gilt in den modernen Zivilisationen nur das subjektive Urteil des Essers, dessen Kennerschaft oder das Urteil der Wissenschaft als massgebend. Forschung und Publizistik entdecken immer neue und immer weiterreichende Giftgefahren in unserer unmittelbaren Umgebung. An die Stelle der Pflege des sozialen Austauschs ist die Sorge um den individuellen Stoffwechsel getreten. Gesucht wird ein neuer Garant, denn im Falle des Giftes nützen dem Esser rechtzeitig und zuverlässig weder die fünf Sinne noch die Wissenschaft.

Zuflucht zur „Natürlichkeit“ scheint hier zunächst einmal Rettung zu versprechen. Man fordert „natürlichen“ Anbau, „natürliche“ Zubereitung der Nahrung, man zielt auf den „natürlichen“ Gehalt der Lebensmittel ab (gegen Raffinierung, Konservierung) und schliesslich beruft man sich auch noch auf „natürliche“ Tischsitten. Eine Gewähr für „Natürlichkeit“, die oft wie ein Ersatz der alten „Sittlichkeit“ erscheint, glaubt man auch in manch fremder Esskultur (besonders der europäischen Mittelmeerländer), der das Image des bewährten Althergebrachten anhaftet, zu finden. Vor allem jedoch konzentriert sich der modern-nostalgische Esser heute auf die regionale, die Esskultur der „Heimat“ (oder multipler „Heimaten“). Solche Mystifikation einer anheimelnden Urerfahrung, die einem vormachen soll, es habe je so etwas wie einen ursprünglich guten Zustand gegeben, in den man sich, in gleichsam magischer Weise, durch den Konsum bestimmter Speisen zurückversetzen könne, findet ihre Entsprechung in der Mystifikation der Unschuld des „Kleinen“, des „Lokalen“ und des „Selbstgemachten“, das dem „neuen Konsumenten“ als Rettung gegen die Gefahren des „Grossen“, „Anonymen“, „Fremden“ und „Giftigen“ nahegebracht wird.

Was ist aber „Natürlichkeit“ anderes als eine kulturelle Konstruktion, eine Fiktion, ein Ideal, das in jeder Kultur und in jeder Epoche anders beschaffen ist?

Der allgegenwärtigen Besorgnis des Essers um seine Unbeschadetheit scheint jedoch eine mächtige Tendenz entgegenzulaufen. Ihr Schlüsselwort heisst: „Essens-Spass“: Essen hat nun nichts mehr mit Status zu tun, offizielle Normen des guten Geschmacks danken ab. Spass, Lust und Genuss, so scheint es, sind dem heutigen Esser allein wichtig. Jeder wählt, was ihm schmeckt, was er als „stark“ erfährt, was sich „gut“ anfühlt oder was ihm sein Körper als „richtig“ erspürt. Magische Formeln wie „Genuss mit Schwung und Energie“ oder „Komm aufs grosse Geschmacksabenteuer“ sprechen die Erlebnisfähigkeit an. Die Genussparolen versuchen, einen subjektiven, innerpsychischen Prozess spektakulär zu benennen, zu vermessen und kommerziell zu verwerten. In der heutigen Sicht der Dinge verbinden sich Genuss- und Kontrollblick. Die prinzipielle Offenheit macht alles zur Quelle möglichen Genusses, aber auch der Gefährdung. Es scheint, als müsse sich heute der Genuss ständig zu erkennen geben — egal, was man macht, Hauptsache, es wird Lustgewinn daraus bezogen. Dieser sanfte Zwang zur Dauer-Öffentlichkeit verbindet sich ohne Problem mit der sogenannten Neuen Einfachheit: Es kommt nicht mehr darauf an, zu zeigen, welch grossen Aufwand man betreiben kann („Luxus“), sondern darauf, nachzuweisen, welches Mass an Genuss man aus einer - auch der schlichtesten - Speise und aus anderen Objekten herauszuholen vermag, dass man auch im Unscheinbarsten einen Genuss finden kann.

Der Spruch „high tech — high touch“ signalisiert das widersprüchliche Ineinander von Entkörperlichung des sozialen Austauschs und Sehnsucht nach Berührung und Körpererfahrung. Es dominiert die Suche nach Sinnlichkeit, nach Intensität und Gespür überhaupt in einer „Plastikwelt“, in der alles erfassbar, nichts mehr hingegen erfühlbar ist und in der soziales Verkehren sich auf contacts reduziert. Äusserungen, die scheinbar spontan über die Lippen kommen oder andere Beweise des Affekts, der Gefühlsregung erhalten heute wieder (das erinnert an den Gefühlskult des 18. und 19. Jahrhunderts) die Weihen besonderer Authentizität. In einer Situation, in der das Gefährdetsein immer überindividueller, abstrakter wird und in der sich Genuss vorwiegend auf den eigenen Körper bezieht, wird das Leben zum glücklichen, glückenden Abenteuer inszeniert.

Kehrseiten eines derartigen Subjektivismus sind die Suche nach Vereinigung, Übereinstimmung, Verständnis, nach einem mit anderen geteilten Wissen, kurz: Gefühlskult und Ideologie der Kommunikation.

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Während der letzten 200 Jahre waren der Journalismus, die Universität und die Politik die wesentlichen Agenten des Projekts einer kulturellen Gesellschaft und einer gesellschaftlichen Kultur. Sie lieferten Kritik, Wissenschaft und Ideologie, denen die gesellschaftlichen Einrichtungen der öffentlichen Meinung, das System der gelehrten Berufe und der Partei korrespondierten. Im Zuge des Niedergangs oder der Auflösung dieser Formen, der Verwandlung des öffentlichen Disputs in eine bloss quantifizierte öffentliche Meinung, der Krise der wissenschaftlichen Gewissheiten, der Ersetzung der Parteien durch Klüngel, wird die Kulturindustrie zum wichtigsten Vermittler. „Klassische“ Musik auf Schallplatten und im Radio, Theater- und Film-„Klassiker“ im Fernsehen, „Klassiker“ der Literatur in Massenauflagen; daneben potenzieren und entwickeln sich die als „Massen“- oder „Populär“-Kultur abqualifizierten Genres wie Schlager, Fernsehserie, „Schund“-Roman und Comic; weiterhin liefern sie Repräsentationen der „Volks“- und „volkstümlichen“ Kultur wie „Volks“-Musik, „Volks“-Stück, „Volks“-Poesie.

Wenn auch in den Kulturprogrammen der Medien nach und nach die konventionellen Grenzen zwischen „hoher Kultur“, „Massenkultur“ und „Alltagskultur“ durchbrochen werden, bleiben die Massenmedien als solche dem „Populären“ verhaftet, denn soweit sie nicht besonderen Reglements unterliegen, haben sich die Programme an unterstellter „Popularität“ (aufgrund von Einschaltquoten) zu orientieren. Die Programmverantwortlichen beteuern, dass ihre Produktionen, ginge es nur nach ihnen, natürlich ganz anders aussähen. Werden selbst erfolglose Theater und Opernhäuser staatlich subventioniert, gerät eine Hörspielabteilung des Rundfunks, die „nur“ ein Prozent der Bevölkerung erreicht auf die Abschussliste.

Heute ist auch unabhängig von solchen Grossagenten, etwa auf städtischer Ebene, die Auforderung zum Kunst- und Kulturgenuss zu vernehmen und die massenhafte Aneignung entsprechender Angebote zu beobachten: Kunstausstellungen, Theater- und Konzertfestivals, Museen, nicht abbrechenwollende Kultur-Happenings. Stillgelegte Fabriken werden der Kulturarbeit übereignet. Kultur wird zum Schlüsselwort lokaler, regionaler und nationaler Imagepflege und Tourismusfaktor: Festivals, Grossereignisse, Feuerwerkszauber, Stadt- und Stadtteilfeste, Jubiläen. Doch werden heute nicht nur die Produkte selbst radikalster „Gegenkultur“ und ehemals verpönten „Kommerzbetriebs“ museal einbalsamiert, sondern die Umwelt überhaupt. Symptomatisch ist die merkwürdige Wiedergebut des urbanen Raums Mitte der siebziger Jahre: Fachwerk-Strukturen werden freigelegt, historische Stadtkerne werden zu Fussgängerzonen hergerichtet, Pflastersteine werden nicht mehr überteert, sondern durch noch älter wirkende ersetzt (alt versus uralt), und Psychosoziologen wie Kulturarbeiter erhalten den Auftrag, das Gemeindeleben wieder auf Trab zu bringen. Manche Backstuben wurden mit grossen Schaufenstern versehen, damit „wie früher“ die handwerkliche Tätigkeit erlebbar werde. Vermittels solcher Operationen und Prothesen entsteht „Heimat als Ereignis“. Innenstädten wird ein Reichtum an Geschichte und Tradition angehängt, den sie in dieser Form nie besassen. Einheitlichkeit der Vielfalt, Vielfalt der Einheitlichkeit - gleichsam eine Bildschirm-Stadt, in der sich der Passant an Schaufenstern und Animierplätzen vorbeischiebt. Weder passiert dem Passanten etwas - wie es dem Flaneur des 19. Jahrhunderts geschehen konnte -, noch lässt er etwas passieren, vielmehr passiert er, im Medium „Heimat-Kultur.

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Die Betreiber solcher Einheitsfolklore betrachten sich gerne als Vorkämpfer der Erhaltung kultureller Eigenart, angesichts zunehmender „Amerikanisierung“ ihrer Kultur (worunter sie aber Rockmusik und Blue-Jeans nicht rubrizieren).

Es zeigt sich in dieser Rekonstruktions- und Abwehrbewegung eine zweifache, ja zweideutige Tendenz des gegenwärtigen Umgangs mit dem Begriff „Kultur“, die herkömmliche Definitionen überlagert: als Markenzeichen und als Tätowierung.

Markenzeichen - als Sammelbegriff kultivierten, distinguierten, gehobenen Lebensstils, als Demonstration des eigenen Genusses: „kultiviert Essen, Wohnen“ etc., wobei die geläufige Trennung zwischen Kunst, Design und Kommerz kaum eine Rolle spielt.

Tätowierung - als Seinsweise, Charakter, Mentalität einer Ethnie-„Kultur“ als neue Natur, nachdem die alte im Zeitalter der Gen-Technologie manipulierbar erscheint. Nationalistische Äusserungen über das bedrohte „deutsche Kulturvolk“ unterstellen eine, wohlweislich nicht näher definierte, „kulturelle Identität der Deutschen“, die vom Übergang zu einer „multikulturellen“, soll heissen: „gemischtrassigen“ Gesellschaft bedroht werde. Je nach Forum kann es einmal „grosszügig“ heissen: Verteidigen wir die europäische Kultur gegen Fremdlinge aus der Dritten Welt, oder aber, „eng gefasst“: Verteidigen wir unser Kultur-Land, unsere Landeskultur gegen die anderen Europäer. Anhand einer hybriden Rasse-Kultur-Semiologie und -Genealogie werden einwanderungswillige Aussiedler und andere Ausländer auseinandersortiert. Der gemütliche Spruch „andere Länder - andere Sitten“ nimmt dabei eindeutig rassistischen Charakter an.

Beide Tendenzen - Kultur als Markenzeichen und Kultur als Tätowierung - dienen, in unterschiedlicher Militanz, der Konstruktion eines Selbstbilds, der Konstitution einer imaginären Identität mit sich und einem Kollektiv („So sind wir“), auf eine festmachbare Grosse Ordnung. Die Öffnung des Kulturbegriffs und -betriebs hin auf kleinste und bislang entlegenste Bereiche, die unter vielen Vorzeichen betriebene kulturelle Reinheit, Natürlichkeit und Echtheit ist deshalb sorgfältig auf diese Tendenzen hin zu untersuchen.

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Haftete dem Begriff „Kulturarbeiter“ in Westeuropa bis vor wenigen Jahren noch der Geruch bürokratischer Bevormundung an, so sind Kultur und Kunst zum wichtigen Politikfaktor und Wahlkampfthema geworden. Es geht wieder verstärkt darum, was in einer Gesellschaft, was von einer Gesellschaft gesagt und dargestellt werden darf - gerade auch mit den spezifisch „freien“ Mitteln der Kunst. Seitdem etwa an der Aufstellung oder Entfernung einer „provozierenden“ Plastik in der Innenstadt sich Konflikte entzünden, die über den Fortbestand einer politischen Verwaltung entscheiden können, ist der Posten des Kultursenators kein Abstellgleis mehr. Politiker wägen inzwischen genau ab, wann Kulturförderung und -spektakel sich finanziell und konsensfördernd auszahlen und wann sie vielleicht „an den Leuten Vorbeigehen“ und Wählerstimmen kosten könnten.

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In all diesen extremen Entwicklungen der letzten Jahre, den Ideologien und Verbohrtheiten, den Auflösungserscheinungen, aber auch in Werbeslogans und in den Sprüchen der Puristen sehen wir Umrisse einer neuen Ethik der Lebensführung sich abzeichnen: die Sorge um sich, um den Körper, die Natur und um neue Formen des sozialen Austausches. Zentrale Frage ist: Was heisst es, gut zu leben? Von Kulturbürokraten kaum thematisiert, dafür aber vielleicht von erstrangiger Wichtigkeit ist die heutige Sorge um die „Selbstkultur“. Wichtiges gesellschaftliches Vehikel sind Biographien und Autobiographien. Die Frage, „Wie sind Sie geworden, was Sie heute sind, und würden Sie alles noch einmal genauso machen?“, hat seit Mitte der siebziger Jahre einen festen Platz im Unterhaltungs- und Belehrungsbetrieb der Massenmedien: In Dokumentarsendungen, Interviews, am extremsten in Psycho-„Selbsterfahrungs“-Sendungen, am häufigsten in Talkshows, oft aber auch bei Quiz und Spiel, werden Prominente wie no names um biographische Auskünfte oder ihre ausführliche Vita gebeten. Die Geschichte des eigenen Lebens als Indikator der Lebensführung, also dessen, wie das Subjekt mit dem fertig wird, was man - in verschiedensten Bedeutungen - „Leben“ nennt: Wie hat es die für alle verbindlichen Lebensstationen und Probleme bewältigt? Wie hat es historische Ereignisse erlebt und verarbeitet? Wie ist es vom Schicksal begünstigt oder geschlagen worden? Welche Chancen hat es genutzt oder vertan? usw.

Die Protagonisten werden als Repräsentanten zeitgenössischen Denkens, Handelns oder Behandeltwerdens, als stellvertretende Akteure oder Opfer, Symbolfiguren oder symptomatische Fälle vorgestellt. Ihr Leben muss sich deshalb mit „Themen der Zeit“ so gekreuzt haben, dass es Beispiel gesellschaftlichen Handelns oder Inbegriff eines Kollektivschicksals sein, also für einen Lebensstil, eine Gruppe oder ein Gemeinwesen stehen kann.

In der Modellsituation der Gesprächssendung wird im kleinen und en detail vorgespielt, wie sich Makrostrukturen in Mikropraktiken der Macht übersetzen lassen, welche Arten des Lebens in der jeweiligen Gesellschaft möglich, gültig und anständig sind. Noch der Bericht des Intimsten, privatesten Details transzendiert die Intimsphäre, das Privatleben des Individuums, denn er bezeugt nolens volens eine kulturelle Struktur und eine Weise der Lebensführung. Zugleich repräsentiert sich im Sprechen auch die psychische Struktur des Subjekts im Verhältnis von Begehren und Gesetz.

Zugespitzt könnte man sagen: Es wird auf der Fernsehbühne ein Spiel inszeniert, bei dem der Moderator als fragender master die Rolle eines Hirten einnimmt, der einzelne Schäflein aus der Herde vorführt und sie einer Gewissensprüfung unterzieht. Sie müssen von ihrer Lebensführung Zeugnis ablegen, ihre Versuchungen und Taten, „alles Gute und Böse, für das sie empfänglich sind, das sie anzurichten wussten, alles, was ihnen zustösst“, offenbaren. Das Publikum erfährt Techniken der Lebenskunst, Ethiken der Lebensführung, Sünden und Verdienste, Formen der Vernunftkontrolle und Beispiele von Willenskraft, Selbstbeherrschung und Zügelung der eigenen Leidenschaften im Hinblick auf das Wohl der Gesamtheit. Derart wird in der Epoche der Entwertung überlieferter Erfahrungen versucht, durch die Demonstration von Lebensgeschichten Zusammenhang der parzellierten Lebenserfahrungen aufzeigen und mithin Zeugenschaft vom Gesetz ablegen zu lassen.

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Es besteht eine merkwürdige Spannung zwischen der Sehnsucht nach einem verlorengegangenen Bezug und der Überzeugung, ein soeben angebrochenes neues Zeitalter zu erleben. Das Heute, „Auf der Höhe der Zeit“, „Neue“, „Noch nie Dagewesene“ als das zu erleben, was einmal Kultur und Geschichte geworden sein wird, ist die Logik der Aktualität. Die „Kulturgesellschaft“ ist ein unablässiger Aktualitäts- und Reaktualisierungsgenerator, der die Subjekte einer permanenten Initiationsprozedur unterzieht.

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Es mag also scheinen, als seien die hier skizzierten Phänomene brandneu, etwa post-modern. Bestimmt waren einzelne Elemente und Strukturen in der einen oder anderen Form schon länger da, vielleicht nicht in ihrer jetzigen Verschränkung. Bestimmt sind auch diese Notizen nichts Neues, sie insistieren aber auf etwas, das insistiert und nie völlig Kultur wird.

Claus-Dieter Rath
geb. 1949, studierte Germanistik, Psychologie und Philosophie in Heidelberg und Berlin, beschäftigt sich mit Alltagskultur und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Semiotik und Kommunikationstheorie der Freien Universität Berlin. Autor von Reste der Tafelrunde (Das Abenteuer der Esskultur. Reinbek 1984).
(Stand: 2019)
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