VINZENZ HEDIGER

LEITERS TO SREBRENICA (DANIEL VON AARBURG)

SELECTION CINEMA

Der Balkankonflikt hat die Stimme der Vernunft, den Konsens engagierter europäischer Intellektueller in einem Strom zuordnungsloser Bilder zum Verstummen gebracht. Was in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens die Folgen eines serbischen Angriffs illustriert, dient beim Nachbarsender als Beweis für die Skrupellosigkeit der Kroaten. Wem glauben? Für wen Stellung beziehen? Der engagierte politische Diskurs verlangt seit Bosnien nach neuen Strategien.

Der Zürcher Daniel von Aarburg, Absolvent der Davi in Lausanne, hat in seiner einstündigen Videodokumentation eine solche Strategie entwickelt. An die Stelle der Utopie eines irgendwie »vernünftigen« Stellungsbezugs, der vergeblich auf Verbindlichkeit hofft, läßt von Aarburg die »mehrstimmige« Beschreibung lokaler Situationen treten.

Die Lokalität von Leiters To Srebrenica ist Davos, zum Zeitpunkt der Filmaufnahmen der Aufenthaltsort der neunzehnjährigen Bosniakin Ina Bacalovič. Ina, eine Muslimin, mußte mit ihrer Familie aus der Enklave Srebrenica fliehen; ihr Vater blieb zunächst noch zurück, und so fand sich die älteste Tochter unversehens in der Rolle des Familienoberhauptes wieder. Von Aarburg beschränkt sich nun nicht darauf, Ina zu porträtieren. Vielmehr überträgt er seinem »Objekt« für einen guten Teil des Films die Mittel der filmischen Gestaltung. Mit einer Handkamera dokumentiert Ina ihre Umgebung und schildert ihr Leben in Davos in einer Reihe imaginärer Videobriefe, die sie an eine Freundin in Srebrenica adressiert. Statt auf Objektivität zu spekulieren, multipliziert von Aarburg die Subjektivitäten. Diese Logik befolgen auch die Segmente, in denen Inas Vater zu Wort kommt und eine Wahrnehmung zum Ausdruck bringt, die von derjenigen seiner Tochter oft beträchtlich abweicht.

Von Aarburg montiert diese disparaten Elemente zu einem fast schon seismographischen Notat, das präzise nachzeichnet, wie die politischen Ereignisse sich (auch) in einer unwiderruflichen Umschichtung tradierter Rollenverhältnisse und Familienbeziehungen niederschlagen. Leiters To Srebrenica erzählt nicht zuletzt die Geschichte einer nach den Kriterien des »vernünftigen« Diskurses begrüßenswerten Emanzipation, befreit sich Ina doch - wenn auch unwillkürlich und nur ein Stück weit - von den Zwängen der patriarchalen Ordnung.

Vinzenz Hediger
geb. 1969, arbeitet unter anderem als Filmjournalist für eine größere Schweizer Tageszeitung.
(Stand: 2019)
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