FLAVIA GIORGETTA

NEUTRE (XAVIER RUIZ)

SELECTION CINEMA

Die meisten Frauen befällt das Grauen, wenn eine Gruppe Männer ihre Erinnerungen aus Rekrutenschule und militärischen Wiederho­lungskursen ausgräbt und trotz aller erlebten Ungerechtigkeiten und Drills regelrecht nostal­gisch zu schwärmen beginnt. Weder kann frau diese männliche Kameradschaft, die gerade erst durch die Abwesenheit der Frauen entstehen kann, nachvollziehen noch den Reiz der Unter­werfung begreifen. So geht frau denn skeptisch in den Film Neutre, der die letzten Tage eines so genannten WK beschreibt und auf den ersten Blick ein typischer «Männerfilm» zu sein scheint, in dem die einzig vorkommende Frau das Greenhorn unter den Kumpanen zur Se­xualität führen darf.

Der WK ist fast zu Ende, als sich eine Truppe nach einer nächtlichen Übung gegen eine andere Kompanie in der buchstäblichen Hitze des Gefechts verirrt. Der machthungrige Leutnant wird als kartenunkundig enttarnt, was nicht weiter schlimm wäre, würde sich die Kompanie nicht - wie ein Bauer sie aufklärt - auf französischem Boden befinden. Über die legale Grenze zurückzukehren, hiesse, sich als Deserteure dem Militärgericht stellen zu müssen, weshalb sich die Soldaten entscheiden - wie bereits unwissentlich auf dem Hinweg - wieder die grüne Grenze zu überqueren. Die angespannte Atmosphäre wird durch den Unfalltod eines Kameraden fast unerträglich. Als sich die Truppe schliesslich auf ein Minen­feld verirrt, stehen die meisten kurz vor dem psychischen Zusammenbruch. Der Leutnant kämpft um seine Position; doch obwohl sich die Soldaten nach einer Autorität zu sehnen scheinen, nehmen sic ihren Chef nach all den geschehenen Fehlern nicht mehr ernst. Das Militärgericht, das alle umgehen wollten, holt sie zum Schluss ein. Der Selbstmord, den der an seine persönlichen Grenzen gestossene Leut­nant schliesslich begeht, wird in der Zeugen­aussage der Überlebenden zu einem Unfall; das Belastende des Erlebten verdrängen sie.

Xavier Ruiz betont in seinem ersten Kino­film nicht das «Buddytum» unter Soldaten, sondern konzentriert sich darauf, wie sich Menschen unter Druck verhalten respektive wie stark sie ihr Verhalten in einer Extremsitua­tion ändern. So handelt Neutre weniger von der Schweizer Neutralität und deren Auswirkun­gen auf das Militär als vom Aufbrechen der Gefühlsneutralität, was die Überlebenden (viel­leicht) zur Katharsis führt. Dies erhebt den Film über einen Militärfilm und macht ihn auch für Frauen sehenswert.

Flavia Giorgetta
geb. 1973, Studium der Anglistik, Filmwissenschaft und Volkswirtschaftslehre. Lebt in Zürich und arbeitet als wissenschaftlich-päda­gogische Assistentin im Studienbereich Film an der HGK Zürich. Mitglied der CINEMA-Redaktion seit 2001.
(Stand: 2018)
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