PATRICK STRAUMANN

MOUNTED BY THE GODS (ALBERTO VENZAGO)

SELECTION CINEMA

Mounted by the Gods, übersetzt etwa «von den Göttern besessen», bezeichnet den Zustand der Trance und handelt vom afrikanischen Voodoo-Kult. Mahounon, der Priester eines Voodoo- Klosters in Benin, sucht sich in Vorahnung seines Todes einen Nachfolger. Nach einer lan­desweiten Rekrutierungskampagne, während der er mehrere hundert Anwärter auf das reli­giöse Amt prüft, trifft er schliesslich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft auf den zwölf­jährigen Gounon, dem ein Orakel attestiert, die für das Priestertum nötigen Gaben zu besitzen. Als Mahounon kurz nach Gounons Initiation stirbt, wird dieser als knapp Siebzehnjähriger zum Hohepriester geweiht.

Dass sich dieser dramaturgisch dankbare Plot - die Suche nach einem Auserwählten - dokumentarisch aufzeichnen liess, ist zunächst wohl der Dauer der Dreharbeiten zuzuschrei­ben, die sich dem Pressedossier zufolge insge­samt über zehn Jahre erstreckten. Die dadurch entstandene Nähe zu den Protagonisten hat es Venzago ermöglicht, ein bemerkenswertes Ver­trauen zur religiösen Hierarchie zu etablieren. So erhält die Kamera Zugang zu Tieropfern, Orakelbefragungen und anderen Ritualen. Der Kommentar bleibt dem religiösen Mysterium gegenüber zwar auf Distanz, rundet das Bild aber kontextuell ab: Er gibt die Geschichte der Religion wieder, die von den deportierten Skla­ven auch in die Neue Welt getragen wurde, und über Legenden Einblick in die dem Voodoo zu Grunde liegende Genesis.

Diese mehrschichtige Annäherung an den Stoff entspricht wiederum der besonderen Ar­chitektur des Films. Mounted by the Gods ist in jenem Zwischenbereich angesiedelt, in dem sich Dokumentarfilm, ethnologische Recher­che und Fiktion überschneiden. Bereits die ers­ten Bilder des tropischen Sommerregens, der verfallenen, aus portugiesischen «sobrados» bestehenden Strassenzüge und der Kultorte be­sitzen genügend fiktiven Gehalt, um die Vor­stellungskraft des Publikums zu entzünden. Andererseits weiss der Regisseur, der als Magnum-Fotograf über internationales Renommee verfügt, auch die nötige Nüchternheit zu be­wahren, der die anthropologische Dimension seiner Thematik bedarf. Visuell spiegelt sich die Überschreitung der Genregrenzen im Alter­nieren von Schwarzweiss- und Farbbildern; akustisch lässt sie sich auch aus der teils subjek­tiven Off-Stimme heraushören sowie aus dem Sounddesign, das die eigens für den Film ein­gespielten Kompositionen durch Gesangs- und Perkussionsaufnahmen aus Afrika anreichert.

Paradoxerweise erweist sich gerade diese konzeptuelle Virtuosität als geeignete Form, der strengen Thematik des Films gerecht zu werden: Als mediale Dispositive sind sowohl die religiöse Praxis als auch der audiovisuelle Ausdruck mit dem Problem konfrontiert, Unsichtbares nur indirekt sichtbar machen zu können. Dass Venzago sich die daraus resultie­renden Synergien zunutze macht und die Ri­tuale des Voodoo-Kults elliptisch wiedergibt, zeugt nicht nur von seinem Respekt für die Religion, sondern auch von seinem anspruchs­vollen Zugang zum Film als Medium, dessen Potenzial er bereits in diesem ersten Projekt überzeugend einzusetzen weiss.

Patrick Straumann
geb. 1964, studierte Filmwissenschaft, arbeitet als freier Filmjournalist, lebt in Paris.
(Stand: 2018)
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