SONJA WENGER

1 JOURNÉE (JACOB BERGER)

SELECTION CINEMA

Es ist halb fünf Uhr morgens in einem Stadtteil von Meyrin, der Regen prasselt auf menschenleere Strassen. Serge (Bruno Todeschini) wälzt sich aus dem Bett, wechselt ein paar Worte mit seiner Frau Pietra (Natacha Régnier), schleicht sich aus der Wohnung und versucht dabei seinen Sohn Vlad (Louis Dussol) nicht zu wecken. Es ist der Beginn eines Tages, der für alle drei Familienmitglieder einen Bruch mit ihrem bisherigen Leben bringen wird und der dennoch fast wie jeder andere zu verlaufen scheint.

Für das Drehbuch zu 1 journée erhielt er Genfer Regisseur und Dokumentarfilmer Jacob Berger (Aime ton père, F 2002) zusammen mit seiner Koautorin Noémie Kocher eine Nomination für den Schweizer Filmpreis 2008 in Solothurn. Er erzählt darin eine erstaunlich banale Geschichte, die einen aber nach wenigen Minuten bereits vollkommen in ihren Bann zu ziehen vermag. Mit einer grossen Konsequenz vertraut Berger dabei auf die Mystik des Unspektakulären. Er fordert die absolute Aufmerksamkeit des Publikums für eine Geschichte ohne Action, ohne lautes Drama und ohne viele Worte – die aber dennoch erstaunlich viel sozialen Brennstoff enthält. Der Regisseur zeigt, dass sich in jedem Winkel unseres Alltags nicht erzählte Geschichten verbergen, und er hat für 1 journée eine beachtliche Anzahl davon ineinander verwoben.

Es beginnt bereits damit, dass Serge nur wenige Meter mit dem Auto fährt, und Mathilde (Noémie Kocher), seine Geliebte, im Nachbarblock besucht. Eine Stunde später, auf dem tatsächlichen Weg zur Arbeit als Radiomoderator, scheint er jemanden zu überfahren. Doch trotz Blutspuren, Blechschaden und mehrfachem Rufen kann Serge niemanden auf der Strasse finden. Bei der Arbeit ist er danach unkonzentriert und gereizt. Kurzerhand verschwindet er am Mittag aus dem Büro, hat mit Mathilde Sex in seinem Ehebett und sucht anschliessend für den Rest des Tages nach dem mysteriösen Unfallopfer. Dabei landet er irgendwann sogar im Verhörzimmer der Polizei.

Wie wenig es braucht, um hinter die brüchige Fassade einer vordergründig funktionierenden Familie zu blicken, demonstriert der Regisseur mit einem dramaturgischen Kniff. Immer wieder unterbricht er die geradlinige Erzählung und beginnt noch einmal von vorne, allerdings aus einem anderen Blickwinkel. So begleitet das Publikum auch Pietra durch den Tag und erlebt aus ihrer Sicht – nachdem Serge das Haus verlassen hat – wie ihr Tag abläuft und wie sie reagiert, als sie seinen Ehebruch miterlebt. Gleichzeitig beobachtet Vlad, wie sein Vater beim Nachbarblock hält und in einer Wohnung das Licht angeht. Später versucht Vlad, ein Mädchen aus seiner Klasse zu küssen. Man erfährt, weshalb ihn seine Mutter nicht wie üblich von der Schule abholt und wie es kommt, dass er stattdessen in Mathildes Schlafzimmer landet.

Auf diese Weise verdichtet sich der Film zu einem Gesamtbild, das seine Geheimnisse zwar nur langsam preisgibt, doch dem Zuschauer einen immer grösseren Wissensvorsprung zugesteht. Das reine Beobachten befreit sich hierbei von seiner voyeuristischen Komponente. Im Gegenteil wird der Film für die Zuschauer schnell zu einem Puzzlespiel, bei dem jedes noch so kleine Detail wichtig ist. Nicht alle Handlungsstränge werden aufgelöst, einige Wendungen wirken etwas gekünstelt oder aufgesetzt. Dennoch ist 1 journée mit seinem Konzept der Erzählung in Häppchen ein ungewohntes, aber spannendes Seherlebnis – und dabei gleichzeitig eine ruhige Filmperle.

Sonja Wenger
*1970, ist Auslandredaktorin bei der Wochenzeitung WOZ und schreibt für das Kulturmagazin Ensuite sowie für das Bieler Tagblatt. Sie ist Gründerin der Zürcher Theatergruppe The Take Five Theatre Company und arbeitet freiberuflich als Übersetzerin, Wissenschaftsredaktorin und Malerin.
(Stand: 2011)
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