BETTINA SPOERRI

SOHN MEINES VATERS (JESHUA DREYFUS)

Vordergründig geht man in dieser Familie erwachsen und vernünftig miteinander um, im Grunde aber handeln alle egoistisch und kindisch. Dabei müssten sie es besser wissen – zumindest theoretisch. Denn Vater Karl ist ein angesehener Psychiater und lässt gerade ein Buch mit seinen Lebensweisheiten und Ratschlägen produzieren, und die ganze Familie hat über die Jahre gelernt, dieses professionelle Reflexionsvokabular zu benutzen. Doch schon die ersten Szenen machen klar, dass in dem scheinbar abgeklärten, intellektuellen Milieu vieles im Argen liegt. Zur Schabbatfeier in grösserer Gesellschaft bringt der Vater (Dani Levy) seine Mitarbeiterin Sonja (Katja Kolm) mit, die auch seine Geliebte ist, und die Mutter (Sibylle Canonica) zieht den Sohn Simon (Dimitri Stapfer) in den Konflikt hinein, indem sie ihn überredet, in den Ferien die Transkription der Diktierbänder des Vaters für dessen neues Buch zu übernehmen. So nimmt sie ihrem Mann den Vorwand, nicht mit ihr wegzufahren, notabene an einen FKK-Strand. Sehr bald schon gerät sodann in diesem fragilen Gefüge alles aus dem Ruder.
 
Das grosse Kunststück, das Dreyfus in diesem Film vollbringt, ist die kluge, ja geradezu listige Verquickung von Progressivität, Biederkeit und Rücksichtslosigkeit in den sehr genau gezeichneten Eltern-Figuren. Sie kämpfen mit furchterregenden psychologischen Waffen – und sind doch auch die Opfer ihres Manipulationszwangs, ihrer Lebenslügen und blinden Flecken. In diesem Biotop sucht Simon wie ein naives Reh nach einem Ausweg, wird aber immer mehr in das familiäre Spinnennetz verwickelt, aus dem er sich eigentlich befreien wollte. Er versucht sich zu emanzipieren, beginnt seinen Vater zu verachten – doch er bändelt mit Sonja an, halb aus Rache an Vater und Übervater, halb aus Überraschung und Faszination. Er vernachlässigt darob seine Freundin und macht sein eigenes Leben zusehends abhängig vom zähen Ringen seiner Eltern. Ein riskanter Seiltanz beginnt, den man zunehmend atemlos verfolgt.
 
Zum Gelingen des Films trägt massgeblich die hervorragende Besetzung bei: Dani Levy spielt den lächelnden, analysierenden Monster-Vater mit einer stupenden Mischung von vermeintlicher Harmlosigkeit und messerscharfer Kälte; Sibylle Canonica eine bis zur Selbstaufgabe hingebungsvolle, aber kontrollierende und erpressende Ehefrau und Mutter; Dimitri Stapfer mit vielen Zwischentönen das begabte Kind, das sich erstmals querstellen will – und sich selbst dabei am meisten schadet. Die Katastrophe, in die das explosive Geflecht schlussendlich führt – man sieht es kommen, ist aber dennoch überrascht von der raffinierten Finte. Regie und Drehbuch liefern uns mit dem Schluss eine hintergründige Pointe, die man nicht so schnell wieder vergisst.
Bettina Spoerri
*1968, Dr. phil., studierte in Zürich, Berlin und Paris Germanistik, Philosophie, Theater- und Filmwissenschaften, danach Dozentin an Universitäten, der ETH, an der F&F u.a.m.. Begann 1998 als freie Filmkritikerin zu arbeiten und war u.a. Redaktorin (Film/Theater/Literatur) bei der NZZ. Mitglied Auswahlkommission FIFF 2010-12, Internat. Jury Fantoche 2013, mehrere Jahre VS-Mitglied der Filmjournalisten, Mitglied Schweizer Filmakademie. Freie Schriftstellerin und Leiterin (seit 2013) des Aargauer Literaturhauses. CINEMA-Redaktorin 2010-2017, heute Mitglied des CINEMA-Kuratoriums. Vgl. auch www.seismograf.ch.
(Stand: 2019)
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