SAMUEL S. AMMANN

ISOLA (AURELIO BUCHWALDER)

Gewissermassen ist auch Giuseppe Fedele hier gefangen. Seit 31 Jahren lebt und arbeitet der charismatische Psychologe auf der Gefängnisinsel, auf der sowohl Gefangene als auch Mitarbeiter verweilen. Tagein, tagaus. Doch das schlägt nicht aufs Gemüt.
 
Besonders die Insassen haben sich das Recht verdient, auf der «Isola» zu verweilen, der letzten Gefängnisinsel im westlichen Mittelmeer. Denn nur, wer mit gutem Benehmen punktet, darf auf die Insel kommen und auch bleiben. Hier haben die Häftlinge Freiheiten, von denen Insassen anderer Gefängnisse nur träumen können. Sie betreiben Ackerbau und Viehhaltung – in der Freizeit können sie sich im Tischfussball messen oder ausgedehnte Gespräche über Gott und die Welt führen. Und wenn es ums Diskutieren geht, ist Giuseppe natürlich auch immer mitten im Geschehen. «Ich dachte zu Beginn, Giuseppe sei ein Gefangener», so der Regisseur Aurelio Buchwalder in einer offenen Diskussionsrunde nach der Premiere in Nyon.
 
Die Umgebung der Insel wirkt traumhaft: Die Landschaftsbilder haben ein fast schon idyllisch anmutendes Flair und kontrastieren mit den Aufnahmen der Bewohner, deren Alltag trotz allem Gefängnisalltag bleibt. Dies hat wohl spätestens dann jeder begriffen, wenn beim abendlichen Ritual der Wärter die zehnte Gefängnistür nach einem «Buona note!» schwerfällig ins Schloss fällt.
 
In Isola ist die Kamera immer wieder ganz nah bei den Bewohnern. Doch nicht alle sind so diskussionsfreudig wie der Gefängnispsychologe. Auf die Frage, wie viel Schafe ein Insasse in seiner Herde hat, erhält Aurelio Buchwalder lediglich ein trockenes: «94». Das Publikum ist stets Teil eines erkundenden Prozesses. «Kommt da noch was?», mag man sich fragen, wenn die Kamera einen Häftling einfängt, der nicht mehr allzu viel zu sagen weiss. So unschuldig und spontan die Fragen auch daherkommen, so entfachen sie dennoch Gespräche, die einfach so dahinfliessen. Einige Male entwickelt sich eine philosophische Meditation über Gut und Böse. Ein Gefangener fragt sich, mit welcher Motivation Straftaten ausgeführt werden. Andere lesen Gedichte vor, erklären ihren Arbeitsablauf oder witzeln über Alltäglichkeiten. Oftmals wird man dabei Zeuge eines scheinbar heimlichen Blickes auf die Geschehnisse. Doch die Bilder durch Gitterstäbe oder Gestrüpp wirken zu keinem Moment unangenehm oder gar aufdringlich. Grundsätzlich nehmen Gefangene und Mitarbeiter denselben Stellenwert ein, Hintergründe der Verbrechen bleiben ungeklärt. Diese Tatsache verleiht Isola eine unverfängliche Note, welche an den Charme eines neugierigen Kindes erinnert.
Samuel S. Ammann
*1996 studiert seit 2015 Psychologie und Filmwissenschaft an der Universität Zürich, lebt in St. Gallen.
(Stand: 2019)
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