SARA BUCHER

TERMINAL (KIM ALLAMAND)

Eine alte Frau sitzt einsam und verlassen in einem Busbahnhof. Ihr Warten auf die Abreise scheint vergeblich. Menschen um sie herum kommen und gehen, nur sie weilt geduldig in der Halle, bis tief in die Nacht. Kaum jemand interagiert mit ihr, und wenn, dann kommt keine sinnvolle Unterhaltung zustande. Bald wird klar: Die Abreise, auf die die Frau wartet, ist kein Bus in die Ferien – es ist der endgültige Abschied.
 
Der Tod scheint den ZHDK-Studenten Kim Allamand zu faszinieren: Bereits sein letzter Kurzfilm – die Abschlussarbeit Kinder der Nacht (2017) – erzählte von zwei jungen Frauen, die dem Leben entfliehen möchten. Doch während jener Film das Thema narrativ sehr geradlinig angeht und den Tod in seiner schockierendsten Form auf die Leinwand bannt, spielt Allamand in Terminal mit den zahlreichen Bedeutungsebenen, die ihm das Filmemachen erlaubt: Jedes Bild, jedes Geräusch lädt zur symbolischen Deutung ein.
 
Die Allegorie, die sich bereits im Titel verbirgt, mag nicht sonderlich subtil sein, wird aber von Allamand effektiv und experimentell erforscht und umgesetzt. Die Inszenierung des Busbahnhofs als liminaler Ort des Übergangs, an dem man ankommt und abreist, aber nie lange verweilt, verwandelt sich mühelos in einen Limbo, in dem das Warten unangenehm, unpersönlich, oft sogar unheimlich wird. Verloren wirkt die zierliche Frau mit dem kleinen Koffer in der grossen Halle voll verwirrend spiegelndem Fensterglas und fremden Gesichtern, neben den übermächtigen Bussen, die stets ohne sie abfahren. Die Beleuchtung ist von künstlicher Unbehaglichkeit; des Nachts, wenn die Sonne am Horizont verschwindet, taucht blaues Neonlicht die Wartehalle in einen kühlen Glanz; Busse verschwinden wie Irrlichter im Dunkeln.
 
Auch die Geräuschkulisse trägt zum Gefühl des Verlorenseins bei: Das distanzierte Raunen einer Bahnhofshalle, unzusammenhängende Gesprächsfetzen, das Rauschen und Brummen der Busse, und schliesslich das laute Plätschern und Prasseln von Wasser vermischen sich zu einem undurchdringlichen Ganzen, dem zu entfliehen unmöglich scheint.
 
So lässt Allamand seine Protagonistin zwischen Halle, Fahrkartenschalter und Bahnhofstoilette scheinbar end- und ziellos in einem Labyrinth voller Symbolik herumirren – bis der richtige Bus endlich gefunden ist. Für diese visuell berauschende Allegorie über das Altern und das Warten wurde Allamand am Filmfestival von Locarno mit zwei Newcomer-Awards geehrt.
Sara Bucher
* 1991, studierte Anglistik und Gender Studies an der Universität Zürich. Schreibt über Filme und Serien, unter anderem für Maximum Cinema.
(Stand: 2019)
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