SIMON MEIER

LOVE ME TENDER (KLAUDIA REYNICKE)

Seconda ist 32 und lebt eingesperrt in der Wohnung ihrer Eltern in einer Kleinstadt im Tessin. Eine starke Agoraphobie hindert sie daran, das Haus zu verlassen. Als Kompensation für die mangelnde Bewegung macht sie regelmässig intensive, ausfallende Tanzschritte und Bewegungsübungen, ärgert die Hauskatze und ihre Eltern. Auch trägt sie fast Tag und Nacht Unterwäsche, was sie noch seltsamer erscheinen lässt. Ihr Vater und ihre Mutter sind ob der ausweglosen Situation konsterniert, können daran aber nichts daran ändern. Erst als Secondas Mutter während ihrer Näharbeiten plötzlich stirbt und der Vater die Wohnung mit einer Notiz verlässt, ohne zurückzukommen, scheint eine Veränderung des zeitlosen Istzustandes unumgänglich. Ein Mann beginnt sie wegen der horrenden Schulden ihres Vaters anzurufen. Schon nach kürzester Zeit arten die Anrufe in Beschimpfungen und Belästigungen aus. Ist sie zu Beginn noch gleichgültig, sieht sie schon bald nur noch einen Ausweg.
 
Reynicke präsentiert eine intime Charakterstudie einer stark zwanghaften, wahnhaften Aussenseiterin, die so gar nicht ins Bild klassischer filmischer Heldenfiguren und schon gar nicht ins Bild der autonomen, starken Frauenfigur passen will. Seconda ist stark neurotisch, depressiv und in ihrer intellektuellen Entwicklung zurückgeblieben. Sie nutzt die viele freie Zeit, die sie zur Verfügung hat, nicht für kreative Hobbies, sondern schlägt gelangweilt und genervt ihre Zeit beim lustlosen Anmalen von Eierschachteln oder dem gelegentlichen Pedalen auf dem Hometrainer tot. Anders als etwa in Le fabuleux destin d’Amélie Poulain (FR/DE 2001) oder The Wolfpack (US 2015) führt die soziale Abschottung nicht zum Aufblühen der Imagination, sondern zu einem ermatteten Dahinvegetieren. Erst als der örtliche Altglassammler plötzlich vor der Tür steht, sieht Seconda die Möglichkeit für eine Veränderung ihrer vertrackten Situation gekommen.
 
Filmisch arbeitet Klaudia Reynicke mit langen, sorgfältig komponierten Einstellungen, die durch wiederkehrende Momente von ‹temps morts› das verworrene Zeitgefühlt von Seconda widerspiegeln. Was die Figurenzeichnung anbelangt, so sind einzelne Charaktere, wie der Schuldeneintreiber, so stark ins Groteske überzeichnet, dass der Film phasenweise wie eine Farce wirkt und in einen skurrilen Humor abdriftet. Bei manchen Sequenzen wird das Gezeigte zudem bewusst im Sinne des magischen Realismus um irreale Elemente erweitert, die Innenwelt von Seconda durch surreale Elemente nach Aussen gekehrt. Dabei sticht die schauspielerische Leistung von Barbara Gioardano hervor, die die psychischen Leiden und die Fragilität Secondas mit ihrem intensiven körperlichen Spiel einehmend wiedergibt. Love me tender, Reynickes zweiter Spielfilm, lief im Wettbewerb für angehende Filmemacher des Locarno Filmfestivals, und ging trotz sehr guter Kritiken bei den Auszeichnungen leer aus.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Ar­beitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2019)
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