SIMON MEIER

SAPELO (NICK BRANDESTINI)

Nick Brandestini, Spezialist für Portraits von kleinen, abgeschotteten Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft, entführt uns in seiner neusten Dokumentation auf die Insel Sapelo, einer Barriereinsel an der Küste des US-Bundesstaates Georgia. Das Eiland ist der letzte Rückzugsort des Saltwater Geechee Volkes, direkten Nachfahren von Sklaven, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf die Insel gebracht wurden. Das Leben ist stark vom Fischen, dem Muschelfang und der Landwirtschaft geprägt. Brandestini begleitet in seinem Film die beiden Jungen JerMarkest und Johnathan in ihrem Alltag an der Schwelle zum Erwachsenwerden: Er zeigt sie beim Fischen, Muschelsammeln, Reiten, Musikmachen, aber auch beim Streiten und sich langweilen. Die Adoptivmutter der Brüder, Cornelia Walker Bailey, das kulturelle Gedächtnis der Gemeinschaft, bildet den zentralen Angelpunkt des Zusammenlebens auf der Insel. Im Verlaufe ihres Lebens hat sie Dutzende von Adoptivkindern auf der Insel grossgezogen.
 
Brandestini kreiert einprägsame, atmosphärische Bilder der idyllischen Insel, die von moosverwachsenen Wäldern und einem Salzwassermarschland geprägt ist. Diese Aufnahmen unterlegt er mit Erzählungen von Cornelia Walker zur Mythologie und Geschichte der Insel und ihrer eigenen Kindheit in den 1950ern Jahren. Diesem Teil gegenüber steht die zuweilen sehr nüchterne Gegenwart auf der Insel: Die unklare Zukunft der kleinen Gemeinschaft, die sich mit dem Zuzug von Leuten vom Festland und Immobilienspekulanten arrangieren muss, und die ungewissen Zukunftsperspektiven der Adoptivkinder, die unter der Abwesenheit ihrer leiblichen Eltern leiden. JerMarkest muss wegen seines cholerischen Charakters wiederholt zu seiner leiblichen Mutter aufs Festland, weil er mit Kleindelikten negativ auffällt. Cornelia kämpft mit einer schweren Krankheit.
 
Durch die Kombination einer Langzeitbeobachtung von JerMarkest, Johnathan und Cornelia mit ausführlichen und persönlichen Interviews gelingt es Brandestini dem Zuschauer einen detaillierten Einblick in das Lebensgefühl auf Sapelo zu geben. Auf der von der Natur dominierten Insel scheint die Zeit ihren eigenen Rhythmus zu haben. In der zweiten Hälfte des Filmes wird der Fokus dann immer mehr auf das Schicksal von JerMarkest und dessen Verhaltensprobleme gelegt. Dadurch reflektiert der Film auch eingehend die sozialen Hintergründe der Gemeinschaft, Erfahrungen von gesellschaftlicher Benachteiligung, fehlende Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und familiäre Missstände, die sich auf die neue Generation auswirken.
 
Sapelo lief an der Online-Ausgabe des Visions du Réel und wurde mit dem Sesterce d’or SRG SSR-Preis für den besten Dokumentarfilm im nationalen Wettbewerb ausgezeichnet.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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