DORIS SENN

O FIM DO MUNDO (BASIL DA CUNHA)

Reboleira – so heisst ein seit den 70ern von kapverdischen Immigranten geprägtes Viertel in der Peripherie von Lissabon, wo der Westschweizer Regisseur mit portugiesischen Wurzeln seit zwölf Jahren lebt, sich Freunde gemacht hat und mit Vorliebe seine Filme ansiedelt. Nach Até ver a luz (2013) nun auch seinen zweiten Langfilm: O fim do mundo.
 
Im Zentrum der eher düsteren Geschichte steht der 18-jährige Spira, der nach acht Jahren in der Erziehungsanstalt nach Hause kommt, seine Kumpels und Familie wiedertrifft. In sich gekehrt, streift Spira durchs Viertel, manchmal in Gesellschaft von Chani und Giovanni, manchmal allein, Ausschau haltend nach der schönen Iara, in die er sich verguckt hat. Spira fühlt sich fremd: Der scharfe Geruch der seit Monaten ungeleerten Mülltonnen sticht ihm in die Nase – und Kikas, der prahlerische Dealer des Viertels, macht ihm klar, dass er hier unerwünscht ist.
 
Wie in seinen früheren Filmen lässt da Cunha Laiendarsteller_innen zu Hochform auflaufen und evoziert in atmosphärischen Bildern die explosive Stimmung im Viertel. Reboleira ist ebenso Ghetto wie ‹magischer Ort›: voller sperriger, skurriler Persönlichkeiten, ein Ort der Träume, aber auch des Untergangs: Das Viertel steht vor dem Abbruch. Die Menschen bilden eine Schicksalsgemeinschaft – man feiert zusammen, man trauert, man beschimpft sich, es herrschen Gewalt und Promiskuität. Seine Darsteller_innen hat da Cunha hier gefunden – und von ihrem Alltag ging er aus: das Porträt eines Subproletariats – Pasolini und der italienische Neorealismus waren da Cunha Inspiration –, mit teils mythischen Anklängen, etwa wenn die Orgelmusik die Bilder ihrer Misere enthebt oder die Lichter die Grossstadt wie ein fernes Traumland in den Nachthimmel zeichnen.
 
Erneut lässt da Cunha die Kamera (Basil da Cunha, Rui Xavier) Teil des Geschehens werden und führt uns mit Grossaufnahmen durchs Geschehen, seinen Protagonist_innen immer physisch nah – in einer unvergleichlichen Gemengelage zwischen Fiktion und Authentizität. Und obwohl O fim do mundo oft nachts und bei schummrigem Licht gedreht wurde, sind die Bilder äusserst komponiert: in Rot, Grün oder Orange getaucht, mit einer Ästhetik von grossem Kino, noch verstärkt durch das Scope-Format. «Ich wollte eine Art Film noir drehen», meint da Cunha, «und kein ‹soziales› Kino, fern vom distanzierten Blick eines Anthropologen, doch mit politischer Stossrichtung.» Das ist ihm auch diesmal gelungen – mit ungebrochenem Engagement für die Menschen von Reboleira, am Rand der Grossstadt und der Gesellschaft.
Doris Senn
*1957, freie Filmjournalistin SVFJ, lebt in Zürich.
(Stand: 2020)
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