DORIS SENN

WALDEN

Walden beginnt mit einem Blick auf grünen Waldboden, aus dem sich Baumstämme erheben und fadengerade gen Himmel steigen. Dicht an dicht. Man hört Rauschen, Gezwitscher, ein Vogel fliegt auf. Bald stehen die Stämme so eng, dass kein Licht mehr durchdringt. Schritte werden laut. Schliesslich kommt, klein, ein Mensch ins Bild, wirft den Bagger an, die Säge. Der Motor jault auf, es gibt laute Axthiebe und einen Warnruf. Dicht vor der Kamera fällt die Krone eines Baums und lässt für einen kurzen Moment den Wald erbeben. Stille. Schnitt.
 
So die erste der 13 Einstellungen in Walden, die in bedächtigen 360-Grad-Schwenks jeweils minutenlang das Panorama einfangen. Regisseur Daniel Zimmermann beschreibt so den Weg des zu Beginn gefällten Baums ans andere Ende der Welt. Wir starten im österreichischen Admont und sehen in der zweiten Einstellung den beschaulichen Bahnhof des für seine Holzindustrie bekannten Orts. Dort liegen die bereits fertigen Leisten auf Paletten bereit. Rot ist die Leitfarbe, und sie führt uns – in einer Abfolge von ‹Wimmelbild›-Sequenzen – durch den Film: der rote Gabelstapler, der das Holz in den roten Zug lädt. Der rote Lastwagen, der sie zum Hamburger Hafen transportiert, um von dort in der roten ‹Four Butterfly› den Ozean zu überqueren und schliesslich von einem Mann in roten Shorts durch den Urwald getragen zu werden...
 
Daniel Zimmermanns Walden – mit diskretem Verweis auf Henry David Thoreaus gleichnamiges Aussteiger-Manifest – folgt in seiner Reise den Etappen globalisierter Handelswege, um mit der letzten Einstellung den Kreis zu schliessen: Wieder bietet sich uns ein Blick auf dichtes Waldgehölz. Nur sind es diesmal feinere, verbogene Stämme, Luftwurzeln und fettes Laub: das undurchdringliche Dickicht des brasilianischen Regenwalds. In seinem Dunkel leuchten die hellen Bretter geradezu und werden nun in Einbäumen, mal mit stillem Paddeln, mal mit röhrendem Aussenbordmotor, durch die grünen Kanäle des Urwalds ihrem ominösen Endziel entgegentransportiert. Ein Paradox? Definitiv! Walden zeigt auf augenscheinliche Weise die Realität und Absurdität der Globalisierung – einfach anders rum: den Transport europäischen Tannenholzes in den Tropendschungel.
 
Daniel Zimmermann war ursprünglich Holzbildhauer, um dann sein ökologisches Engagement in Installationen, Performances und wenigen, aber aufsehenerregenden Filmen umzusetzen. Etwa in seinen Kurzfilmen Lauberhornrennen im Sommer (CH 2006), wo er mit Holzschienen auf Sommerwiesen das berühmte Skirennen nachahmt, oder Stick Climbing (CH/AT 2010), in dem die Kamera uns auf eine atemberaubende Klettertour via Holzleisten über eine senkrechte Felswand mitnimmt. Mit ähnlich minimalistischem Konzept zeigt Zimmermann nun in seinem Langfilmdebüt auf spektakulär-unspektakuläre Weise die Abstrusität auf, welche unsere Gesellschaft und unseren Planeten durch die Globalisierung erfährt. In subtiler Umkehrung und mit nachhaltiger Wirkung.
Doris Senn
*1957, freie Filmjournalistin SVFJ, lebt in Zürich.
(Stand: 2020)
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