SIMON MEIER

ATLAS (NICCOLÒ CASTELLI)

Die junge Allegra (Matilda De Angelis) steht mitten im Leben: Sie liebt die Freiheit, die Berge, das Klettern und ihren Freund Benni. Sie spielt in einer Band. Bei ihrer Arbeit als Zugbegleiterin ist sie diejenige, die gute Laune verbreitet. Mit Benni, ihrer Freundin Sonia und deren Freund wollen sie einen Teil des Atlas-Gebirgszugs in Marokko besteigen. Es kommt alles anders. Noch vor der Tour werden sie Opfer eines Terroranschlags.
 
Castelli erzählt in Atlas die Geschichte über den schwierigen Weg, nach einem einschneidenden Ereignis zurück ins Leben zu finden. In elliptischen Zeitsprüngen zeigt er Allegras Leben vor und nach dem traumatischen Erlebnis. Während zuvor das Bergsteigen, die Familie und ihre Freunde das Wichtigste für sie sind, so fängt sie nach dem Einschnitt an sich abzukapseln, begegnet ihren Eltern und Freunden gegenüber distanziert. Die Szenen dieser stark veränderten Allegra sind oft in starken Hell-Dunkel-Kontrasten komponiert, welche die psychische Abgeschiedenheit von Allegra visuell veranschaulichen. In regelmässigen Sitzungen bei einer Physiotherapeutin muss sie zudem ihre Beweglichkeit wiederfinden. Einem Stalker ähnlich – von Angst und Neugierde getrieben – verfolgt sie den arabisch stämmigen Musiker Arad, den sie per Zufall im Bus antrifft, und bei ihr zuerst einen Panikanfall verursacht. Sie will das Fremde, das sich plötzlich in ihr Leben katapultiert und alles verändert hat, besser verstehen.
 
Castelli zweiter Spielfilm nach Tutti Giù (CH 2012) – einem Coming-of-Drama über drei Jugendliche – beruht auf wahren Ereignissen: 2011 wurden vier junge Tessiner in Marokko Opfer eines Terroranschlages. Castelli verarbeitet diese Thematik mit viel Geschick zu einem psychologischen Drama, bei dem nicht die Frage nach der Moral, sondern die Veränderung der Betroffenen und ihrer Weltsicht im Vordergrund steht. Die Motivation für Allegras Bedürfnis sich mit Arad anzufreunden, obwohl er für sie das Trauma, den Terror und dessen Unverständlichkeit repräsentiert, ist allerdings nur bedingt nachvollziehbar. Es scheint einer tiefen Verunsicherung zu entspringen, das wird durch Allegras wiederholt linkisches und aggressives Verhalten Arad gegenüber klar.
 
Visuell überzeugt Atlas durch starke visuelle Kontraste: Kameramann Pietro Zuercher fängt die eindrücklichen Bergpanoramen bei den Klettertouren ebenso gekonnt ein, wie die stillen Szenen, bei denen Allegra im Kreis der Familie oder alleine ihre psychische Pein durchlebt. Atlas, der Eröffnungsfilm der diesjährigen Solothurner Filmtage, ist in den Kategorien «Bester Spielfilm» und «Beste Kamera» für den Schweizer Filmpreis nominiert.
Simon Meier
*1986, Studium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Ethnologie an der Universität Zürich. Längere Sprach- und Forschungsaufenthalte in Louisiana und Neuseeland. Arbeitet als Bildredaktor bei Keystone-SDA. Seit 2011 Mitglied der CINEMA-Redaktion. www.palimpsest.ch
(Stand: 2020)
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