MARCO NEUHAUS

VON FISCHEN UND MENSCHEN (STEFANIE KLEMM)

Judith (Sarah Spale) führt auf dem Land eine abgelegene Forellenzucht und erzieht ihre Tochter, die kleine Milla (Lia Wegner). Doch die Arbeit ist kräftezehrend und zeitintensiv. Deswegen wird sie seit kurzem vom jungen Gabriel (Matthias Britschgi) unterstützt; dieser will Distanz zu seiner kriminellen und drogendominierten Vergangenheit finden, obwohl sein immer noch süchtiger Bruder David (Julian Koechlin) bei ihm um Geld als Unterstützung für den eigenen Ausstieg bettelt. Für eine Weile scheint es dennoch gut zu gehen, doch bei einem Tankstellenüberfall wirft der fliehende Täter Milla versehentlich zu Boden. Sie fällt unglücklich und erliegt später ihren Verletzungen. Judith ist zerrissen von Trauer, Wut, Verzweiflung und Rachewünschen; bei Gabriel findet sie ein wenig Halt. Sie ahnt noch nicht, dass Gabriel der Tankstellenräuber ist.
 
Dieser Plot hätte in anderen Händen leicht als Thriller oder als Kammerspiel ausgestaltet werden können; bei Stefanie Klemm wird daraus ein stilles, langsam atmendes Drama. Gleich zu Beginn wird die tragische Wendung vorweggenommen, doch dann nimmt sich die Kameraführung von Kacper Czubak wieder Zeit, gleitet über spektakuläre Landschaften, verweilt bei Kaffeekochern und beobachtet mit nuancierter Empathie die gegenständlichen Details der Arbeit in der Fischzucht und die Gesichter der Nebenfiguren. Von Fischen und Menschen gewinnt seine innere Spannung aus dem Kontrast zwischen der Montage, die immer wieder die weite und die Einzelheit sucht, einerseits, und der konstruierten Schicksalshaftigkeit der Tragödienkonstellation andererseits. Das Drama um Schuld, Rache, Enthüllung und vielleicht auch Vergebung auf der Plotebene scheint geradezu nach Überlebensgrösse zu rufen, nach einem Register, in dem vom Menschen in bedeutungsschwangerem Singular eher als von Leuten die Rede wäre. Diesem Ruf entziehen sich Bild- und Tonsprache, und es steht dem Film gut an, dass er diese Spannung geduldig aushält, auch wenn letzten Endes nicht ganz deutlich wird, ob er ihr auch eine spezifische Richtung gibt. Das bleibt in der Schwebe, ebenso wie der Film offenlässt, ob es zur tragödienspezifischen Enthüllung noch kommen kann, auf die die Handlung zunächst fast unaufhaltsam zuzusteuern scheint.
 
Undenkbar wäre der Film ohne die beiden starken Schauspielleistungen in seiner Mitte. Gabriels Schuld und Angst zeigen sich in Matthias Britschgis Gesicht als nervöse Eloquenz, als Kampf zwischen dem Willen, sich zu verbergen, und demjenigen, sich zu offenbaren. Demgegenüber steht die scharfkantige, verzweifelte Würde von Sarah Spale. Ihre eindrückliche Darstellung allein macht Von Fischen und Menschen schon sehenswert.
Marco Neuhaus
*1991, hat in Zürich Germanistik und Philosophie studiert und hat für die Zürcher Studierendenzeitung, buchjahr.uzh.ch und das Filmbulletin geschrieben.
(Stand: 2021)
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