JEAN PERRET

COLPORTAGE INTERDIT (DANIEL DUQUÉ)

Die Geschichte von Colportage interdit hat etwas Anachronistisches, das der heutigen Zeit komplett entgegengesetzt ist. Der Film erzählt vom Leid eines Mannes, der zu Fuss und auf seinem Roller von Tür zu Tür zieht. Seine Aufgabe ist es, die DVDs seiner eigenen Filme und einiger anderer Filmemacher zu verkaufen. Mitten im Zeitalter der Streaming-Plattformen und der weiten Verbreitung digitaler Dateien knüpft der Protagonist Daniel Duqué an die vergessene Tradition der Kolportage an. Als Hausierer seiner eigenen guten Nachrichten, die aus Bildern und Gedanken bestehen, die er teilen möchte, erweist er sich als wahres Improvisationstalent, das sich gern mit den Menschen unterhält und auf ihren Türschwellen Fuss fasst, in diesem Fall im Wallis.
 
Duqués Film entwirft eine Art Soziologie von Menschen, die sich in ihren Häusern verschanzen und mit ihrer Lebensweise zufrieden sind, in der das Denken, Träumen und die Vorstellungskraft eingeschränkt zu sein scheinen. Manchmal tauchen jedoch auch bei ihnen Fragen, Zweifel oder Forderungen nach mehr Menschlichkeit auf. Dabei wird auch das Kino aufs Korn genommen, und sie sprechen von den Geheimnissen des Lebens, die es angeblich lüften möchte. Daniel Duqué wird selten ins Innere einer Wohnung eingeladen, wo sich manchmal ein kleines Wunder ereignet. Eine Frau, eine Hobbymalerin, nimmt ihn in ihr Haus auf und zeigt ihm ihre Bilder. Sie haben noch nie jemanden interessiert, aber sie ziehen die ganze Aufmerksamkeit des Filmemachers auf sich. So ermöglicht der Film die bewegende Begegnung zweier Einzelgänger, die sich verpflichtet haben, ihre einzigartigen kreativen Wege hartnäckig zu verfolgen.
 
Daniel Duqué filmt diese Geschäftsreisen der besonderen Art mit Begeisterung. Um dieser perfekten Autofiktion seine Gestalt zu verleihen, lässt er sich dabei auch selbst filmen. Durch die geschickte Montage von Jean Reusser werden diese disparaten Elemente so orchestriert, dass die Bilder von einer starken Bewegung, von synkopischen, jazzartigen Rhythmen zeugen. Colportage interdit webt verschiedene Stränge zusammen, um eine Erzählung zu entwickeln, deren Dimension sowohl visuell als auch akustisch ist. Die Partitur besteht aus den Geräuschen des Asphalts, über den der Hausierer fährt, aus der Musik in ruhigen Tönen und einer Stimme. Die Stimme, hauptsächlich Daniel Duqués eigene, dekliniert in besonders intimer Weise Reflexionen durch, die reich an Zitaten von Denkern, Schriftstellern und Filmemachern sind. Dabei handelt es sich eher um die Öffnung der eigenen Gedanken als lediglich um Kommentare zum Gezeigten. Im Mittelpunkt des Ganzen steht dabei die ungezügelte Verbreitung der Bilder und die Macht des Kinos, einer Kunst, die nicht mit Kommunikation verwechselt werden sollte. Der Filmemacher blickt mit einem grosszügigen und besorgten Blick auf seine Zeit, erkennt «das Unheimliche im Wirklichen» und erinnert daran, wie wichtig es ist, sich um das Kind zu kümmern, das in uns schlummert.
 
Jean Perret
unterrichtet Geschichte und Filmkunde an einer Genfer Mittelschule und ist Mitarbeiter des Zweiten Programms des Westschweizer Radios.
(Stand: 2019)
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