Der Spielfilm Friedas Fall über eine historisch verbürgte Kindsmörderin aus St. Gallen war bisher einer der grossen Schweizer Kinohits im laufenden Jahr. Schauspielerin Julia Buchmann war für ihre Rolle als Frieda Keller für den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin nominiert. Die gebürtige St. Gallerin spricht im Interview darüber, wie sie aus dem Film gelernt hat, die eigene Empathie zu schärfen.
Du bist in St. Gallen geboren und in Herisau aufgewachsen. War dir Frieda Keller vor diesem Film ein Begriff?
Julia Buchmann : Nein. Erst als ich das Drehbuch in die Hände bekommen habe, erfuhr ich von diesem Schicksal. Der Fall Keller wird aber anscheinend bis heute immer noch in Rechtsvorlesungen behandelt, weil er eine Wende für das Schweizer Justizwesen bedeutete. Der Fall prägte 1904 die Anfänge der politischen Gleichstellungs- und Frauenrechtsbewegung in der Schweiz.
Was hat dich an der Figur besonders gereizt?
Es ist eine sehr vielschichtige Rolle. Ich habe sie von Anfang an nicht nur als Täterin gesehen. Ich wollte auch verstehen, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt. Was ist das für eine junge Frau mit Träumen und Hoffnungen, die in eine solche Not gerät? Ich wollte sie weder moralisch verurteilen, noch ihre Tat beschwichtigen. Hinzu kam, dass Frieda Keller in St. Gallen lebte und dort als Schneiderin arbeitete. Ich kannte viele der Originaldrehorte aus meiner Kindheit und Jugend.
Was hast du von ihr gelernt, was du für dich persönlich mitnehmen konntest?
Mich hat beschäftigt, wie viele Menschen ihr Schicksals mitverantworten, weil sie nicht hingeschaut haben. Wenn nur ein Mensch ihr die Hand gereicht hätte oder für sie da gewesen wäre, dann würde es diese Geschichte nicht geben. Es gibt einfach so viele Stellschrauben in einer Gesellschaft, die gedreht werden könnten. Frieda Keller hatte kein Fallnetz und ist deshalb in diese Negativ-Spirale hineingeraten. Das nehme ich mit. Dass wir alle dazu neigen, andere zu beurteilen. Das ist vermutlich ein Stück weit menschlich. Aber wo kann ich vielleicht eine Rückfrage mehr stellen, bevor ich verurteile. Es geht darum, die Achtsamkeit füreinander zu schärfen.
Was war für dich die grösste Herausforderung an dieser Rolle?
Die ganzen Facetten einer Frau, die tatsächlich gelebt hat, irgendwie in Einklang zu bringen und abzubilden. Wie kann ich Frieda Keller gleichzeitig als Opfer und auch als Täterin zeigen? In der Irriation über den Mord an ihrem eigenen Kind, ihrer Distanziertheit, aber auch in dem Versuch, Verständnis für sie aufzubringen. Es gibt die historische Figur, der ich gerecht werden wollte. Was macht einen Menschen aus, der 1904 gelebt hat? Mir hat es bei der Recherche sehr geholfen, mir im Staatsarchiv St. Gallen Frieda Kellers Akte mit den Original-Dokumenten anzuschauen. Dort sind die handgeschriebenen Prozess-Berichte einsehbar und auch der Brief, den Frieda Keller verfasste und in dem sie ihre Beweggründe zur Tat schilderte. Dieser wird im Film wortwörtlich wiedergegeben. Das alles hat mir ein Gefühl für diese komplexe Figur gegeben, ohne zu wissen, ob diese Person wirklich so war. Meine Interpretation von ihr ist ein Versuch, mich ihr zu nähern – mit allen Ecken und Kanten.
Hat dir der historische Dialekt Schwierigkeiten bereitet?
Überhaupt nicht. Ich lebe und arbeite schon lange in Deutschland und dort war ich die ersten Jahre damit beschäftigt, meinen Schweizer Akzent loszuwerden. Nun hatte ich für einmal das Glück, dass mein St. Galler Dialekt genau gepasst hat (lacht). Natürlich haben wir gewisse historische Begriffe und Ausdrücke versucht einzubauen, aber das war immer stimmig und keine Hürde.
Aus heutiger Sicht ist es vielleicht schwer nachvollziehbar, warum Frieda so lange schweigt. Doch die Scham muss für Frauen damals noch grösser gewesen sein, im Wissen, dass sie eigentlich keine Stimme haben.
Ja, aber teilweise ist das heute noch so. Ich erlebe es selbst immer wieder, Situationen, in denen ich auf Grund meines Geschlechts spüre, dass ich nicht gehört oder nach meiner Meinung gefragt werde. Es bewegt sich was, und trotzdem haben wir als Gesellschaft noch einen Weg vor uns. Wir konnten im Film zeigen, dass Frieda nicht teilnahmslos in der Ecke sitzt. Sie ist wachsam und schlau. Man möchte wissen, was in ihrem Innersten los ist. Ich habe versucht, durch Blicke, die Körperhaltung und die Atmung diese Spannung zu visualisieren. Obwohl sie also nicht so viel sagt, ist Frieda eine laute und lebendige Figur.
Auch die Gerichtsprozesse jener Zeit waren für Frauen eine Farce, weil das Urteil eigentlich schon vorher feststand. Was hat das in dir ausgelöst, zu wissen, dass unser Rechtssystem einmal so funktioniert hat?
Widerstand und Rebellion. Warum wollte niemand die Gründe verstehen? Das heisst nicht, dass man alles rechtfertigen muss. Aber trotzdem hätte sie angehört werden müssen. Es ist nicht überliefert, dass Frieda Keller über den ganzen Prozess wirklich aufgeklärt worden ist. Ob sie also wusste, dass sie ein Todesurteil erwarten wird. Vielleicht war das ein Gefühl der Angst und Ohnmacht, aber eventuell schimmerte da für sie auch Hoffnung durch – auf Erlösung, auf die Wiedervereinigung mit ihrem Sohn. Daraus ergibt sich dann die Frage, ob die Begnadigung, die zu ihrer Einzelhaft mit Schweigepflicht führte, nicht vielleicht ihr eigentliches Todesurteil war. Sie hatte danach keinen Namen mehr und für die nächsten 15 Jahre mit niemandem Kontakt. Man hat ihr alles Menschliche genommen.
Frieda Kellers Schicksal ist über die Jahre trotzdem vergessen gegangen. Denkst du, dass das kollektive Gedächtnis zu kurzweilig ist?
Ja, auf jeden Fall. Es gibt so viele Themen, bei denen ich mich frage, wie es sein kann, dass wir wieder an diesen bestimmen Punkt kommen. Ausgrenzung, Diskriminierung, Radikalisierung. Da stehe ich ratlos da und frage mich, wie kann das sein. Das Gedächtnis müsste nicht vergessen, aber warum verdrängt es?
Der Film kann deshalb als Mahnung gelesen werden – Geschichte wiederholt sich stets, weil sie in Wellen passiert. Was können wir daraus lernen?
Wichtig ist, dass wir solche Geschichten erzählen. Im Rechtssystem hat sich über die Jahrzehnte viel geändert. Doch es passiert leider immer noch, dass Frauen sich schämen, wenn ihnen Unrecht passiert oder sie in der Not kein Gehör oder Hilfe finden. Forderungen wie «Nein heisst Nein» oder die Diskurse zum Thema Schwangerschaftsabbruch, in denen sich Frauen dafür rechtfertigen müssen, dass sie über ihren eigenen Körper bestimmen wollen, sind immer noch hochaktuell und nicht überall in der Rechtssprechung verankert.
In einer Szene im Film hält eine Frau ein Schild hoch mit der Aufschrift «Woman – Life – Freedom», dem Slogan der iranischen Frauen. Warum war es euch wichtig, den Blick hier zu weiten?
Das war die Idee von Regisseurin Maria Brendle. Sie sagte dazu, dass wir zwar einen historischen Film machen, aber Frauen auf dieser Welt heute noch genau die gleichen Kämpfe um Rechte und Gleichstellung austragen. Uns ist bewusst, dass dieser Moment historisch nicht korrekt ist, aber wir wollten ein Statement setzen, das sagt, dass die Themen, die in unserem Film behandelt werden, weder vorbei noch abgeschlossen sind.
«Friedas Fall» ist seit dem 23. Mai auf DVD und Blu-ray erhältlich und zudem im Stream auf myfilm.ch