OLIVIER SAMTER

MATTA UND MATTO (BIANCA CADERAS, KERSTIN ZEMP)

Schon in Bianca Caderas’ und Kerstin Zemps Debüt Living Like Heta (2017, CH, Co-Regie: Isabella Luu) spielten Regeln eine wichtige Rolle – sie gaben der sonderbaren Einzelgängerin Heta in ihrem Alltag zwischen Seehund und Puzzlespiel Halt. In Matta und Matto, dem zweiten gemeinsamen Kurzfilm der Regisseurinnen stehen Regeln dagegen am Anfang allen Übels: Weil es den Menschen im Städtchen Üks verboten ist, sich zu berühren, sind sie niedergeschlagen.
 
Gut, dass da das mysteriöse Hotel Vaip am Stadtrand auftaucht: Ein Entspannungsresort auf Rädern, das von Ort zu Ort tingelt, um dort Berührungssehnsüchtige für sein – vermutlich illegales – Angebot anzuwerben. Wer möchte, kann sich im Hotel streicheln, anfassen und liebkosen lassen. Und ja, das geht genauso sinnlich und wuschig zu und her, wie es klingt.
 
Benannt nach dem schrulligen Inhaber_innen-Duo dieses Hotels ist Matta und Matto ein Film, bei dem Lust und Ekel nah beieinander liegen. Im Berührungsetablissement, das den Anschein eines heruntergekommenen Stundenhotels hat, bezahlen die Gäste für ihr sinnliches Abenteuer nämlich mit einem Finger. Schliesslich müssen die ganzen streichelnden Hände und Finger ja irgendwo herkommen.
 
Matta und Matto lebt von der Faszination seiner Macherinnen für das Groteske und Makabre: Wie die zu bezahlenden Finger mit einem haushaltstypischen Eierköpfer abgetrennt, säuberlich sortiert und schliesslich in die Vaip’sche Streichelmechanik eingebaut werden, sieht nicht nur ekelerregend aus, sondern klingt dank der eingängigen Tonspur auch so.
 
Dass Caderas und Zemp ausgerechnet jetzt über körperliche Nähe und Berührung sinnieren – vier Jahre nachdem wir als Gesellschaft die Bedeutung von «Social Distancing» gelernt haben – ist wohl kaum ein Zufall. Den Trickfilm deshalb als massnahmenkritische Fabel abzutun, greift jedoch zu kurz. Dafür interessieren sich die Regisseurinnen schlicht zu wenig für die berührungsfreie, geregelte Welt von Üks – also das, was am Ehesten noch als Metapher für den Lockdown verstanden werden kann. Vielmehr dreht sich der lustvoll inszenierte Matta und Matto um die Triebe und Sehnsüchte seiner Figuren – und deren Suche nach dem Verbotenen.
 
Wer mit den absurden, von bemitleidenswerten Sonderlingen bevölkerten Welten von Bianca Caderas und Kerstin Zemp noch nicht vertraut ist, dürfte vom rasanten Matta und Matto möglicherweise etwas überfordert sein. Wer sich davon jedoch nicht abschrecken lässt, kommt in den Genuss eines fantastischen, verspielten Films über Sehnsucht, Lust – und Eierköpfer.
Olivier Samter
*1993, studierte Animationsfilm und arbeitet als Filmemacher, Illustrator und Comedy-Autor. Freischaffender Filmkritiker für Maximum Cinema.
(Stand: 2025)
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