JEAN PERRET

BLACKBIRD BLACKBIRD BLACKBERRY (ELENE NAVERIANI)

Blackbird Blackbird Blackberry: Diese Brombeeren, die die Frau aufschnappt und isst, ein gieriges Vergnügen, und dieser schwarze Vogel, der in die Weite des Himmels fliegt, ein Bote böser Vorzeichen?
 
Hier wird von einer ganzen Dorfgemeinschaft und einem einsamen Leben erzählt. Eine Geschichte hinter verschlossenen Türen, die durch drei Ereignisse eine bemerkenswert architektonische Erzählstruktur erhält.
 
Ein häufig vom Regen heimgesuchtes georgisches Dorf und seine Vipern von Tratschtanten: Sie bilden den Erzählpol, einen Chor nach antikem Vorbild, um den Etero kreist. Sie ist eine grosse Frau Ende vierzig mit ernstem Blick, die paradoxerweise mit dem bescheidenen Geschäft für Schönheits- und Reinigungsprodukte, das sie betreibt, in der Gemeinschaft sehr nützlich ist. Hier zeigt sich schon einer der vielen Qualitäten des Drehbuchs, durch die die Story Humor und Nuancen erhält: Schminken und Putzen verleihen dem Alltag den nötigen Glanz. Mourmane betritt zusammen mit einem jungen Kollegen den Laden, er liefert Waren aus und reiht die Pakete im Regal auf. Es werden nur wenige Worte gewechselt und doch ... Er kommt allein zurück. Der Raum ist streng konstruiert, beispielhaft schaffen die Einstellungen Distanz und Nähe zwischen den Figuren, je nach dem Auf und Ab ihrer Gefühle. Plötzlich, intensiv, lieben sie und er sich auf dem Boden des zum Laden gehörenden Lagerraums. Der Liebesrausch ist rührend und wird mit aufmerksamer, zarter Scham dargestellt.
 
Elene Naveriani gibt das fleischliche Mass dieser Begegnung, die dazu verurteilt ist, heimlich zu bleiben. Der Mann ist verheiratet, die Klatschtanten würden noch so gern ihr Palaver beleben. Etero ist bekannt dafür, dass sie eine unabhängige Singlefrau ist. Eine Geschichte über verborgene Sehnsüchte, die sich selbst offenbaren. Es gibt eine aussergewöhnliche Einstellung von Etero beim Duschen – ihre schöne Präsenz in all ihrer Nacktheit ist insgeheim rührend. Elene Naveriani versteht es, sie in dieser schamhaft distanzierten Einstellung mit intensiver Zärtlichkeit zu betrachten. Diese Figur hat eine leuchtende Präsenz in Seele und Körper. Vor dem Hintergrund diesem ersten Ereignis sinnlicher Liebe begegnen wir Eteros Freundinnen und vor allem ein Paar junger Freundinnen, die sich von der Bravheit eines engen Lebens emanzipiert haben und in erodierten patriarchalischen Werten gefangen sind.
 
Die letzte Einstellung des Films lässt die Kamera, in einer leichten Fahrt, auf ihrem schönen, ernsten und bewegten Gesicht ruhen. Der Schlusspunkt einer nüchternen Inszenierung, die sich auf das Wesentliche der Gefühle konzentriert, die in den Fängen einer von Frustrationen geprägten Gesellschaft zerrieben werden.
Jean Perret
*1952 in Paris, erlangte ein Lizentiat in Semiotik, Geisteswissenschaften und Geschichte der Neuzeit und widmete seine Abschlussarbeit dem Schweizer Dokumentarfilm in den Dreissigerjahren. Er arbeitete als Filmjournalist für verschiedene Zeitschriften und Tageszeitungen sowie für das Radio der französischen Schweiz. Perret rief die ‹Semaine de la critique› in Locarno ins Leben und leitete sie zwischen 1990 und 1994, um dann 1995 die Leitung des internationalen Dokumentarfilmfestivals in Nyon zu übernahmen, das er unter dem Namen Visions du Réel weiterführte. 2010 bis 2018 wurde er für die Leitung der Abteilung Film – die damals den Titel ‹cinéma du réel› trug – an der Haute école d’art et de design (HEAD) in Genf berufen. Gibt Seminare und Kurse sowohl in der Schweiz wie im Ausland über allgemein das essayistische ‹cinéma et photographie du réel›. Schreibt für die Redaktionen der Online-Filmzeitschrift www.filmexplorer.ch, des Kulturmagazins La Couleur des Jours (www.lacouleurdesjours.ch), des CINEMA Zürich. Berater bei der Filmproduktionsfirma GoldenEgg und bei Filmfestivals.
(Stand: 2025)
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