»Everything is short – short film wants more«, schreibt Maike Mia Höhne im gemeinsamen Beitrag mit John Canciani zur Zukunft des Kurzfilms. Diesem »more« wollen wir in diesem Band in seiner ganzen Breite nachgehen. Denn tatsächlich finden wir uns mit einer vor Jahren noch schier undenkbaren Sättigung von Kurzformaten konfrontiert: von der animierten Werbetafel bis zum endlosen Feed auf Social Media. Und dennoch fokussieren zahlreiche Förderlinien, Produktionsformen und Distributionskanäle nach wie vor stark auf den Langspielfilm. Diesem Spannungsfeld gehen in diesem Band rund zwanzig Autor_innen nach. In ihren Beiträgen werfen sie den Blick auf narrative und ästhetische Gestaltungsfragen, auf kommerzielle und alternative Film- und Serienproduktionen, auf politisches Engagement und Verantwortung in der Programmation, aber auch auf die Frage der Verwertung und Vermittlung jenseits dedizierter Kurzfilmfestivals. Angeregt vom Motto kurzundknapp, haben wir unseren Autor_innen offengelassen, sowohl Beiträge in aller Kürze zu schreiben als auch gezielt dem Kurzen eine ausführliche Besprechung zu widmen.
Im Kern des Bandes steht ein Online-Gespräch, das John Canciani, Direktor der Internationalen Kurzfilmtage Winterthur, im Vorfeld der 29. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur mit den Direktor_innen anderer Kurzfilmfestivals geführt hat. Zehn Jahre nach der ersten Diskussion zur selben Frage stellt Canciani darin die Frage: Was ist die Zukunft des Kurzfilms? Mit ihm diskutieren Lars Henrik Gass (Oberhausen), Maike Mia Höhne (Berlinale Shorts), Peter van Hoof (Rotterdam), Jukka-Pekka Laakso (Tampere) und Laurence Reymond (Quinzaine des Réalisateurs, Cannes) nicht nur zu Fragen der politischen Dimension der Redaktion, konzeptuellen Einschränkungen und Öffnungen, sondern geben dabei auch Einblicke in ihre persönlichen Favoriten der letzten Jahre.
Es freut uns, diesen Beitrag auch durch die Kooperation mit dem Cinébulletin bereichert zu wissen. Diese Zusammenarbeit geht auf die gleiche Themensetzung in den aktuellen Ausgaben zurück. Eröffnet wird der Band so denn auch von einem Beitrag von Teresa Vena zur Auswertung des Kurzfilms in der Schweizer Kinolandschaft, der in der Jubiläumsausgabe des Cinébulletin in gekürzter Form erschienen ist. In ihrem Beitrag zeigt Vena auf, welche Tendenzen in der Auswertung von Kurzfilmen auf Festivals bis hin zu Plattformen zu beobachten sind. Dass nichtsdestotrotz das Festival eine zentrale und unabdingbare Bühne für den Kurzfilm darstellt, legt Laura Walde in ihrem Text dar – mit scharfem Blick auf das komplexe Kurzfilm-Ökosystem, das sich rund um Festivals gebildet hat. Beide Beiträge zeigen dadurch wunderbar auf, welche alternativen Formate der Distribution sich in den letzten Jahrzehnten international etabliert haben.
Die analytische Auseinandersetzung mit konkreten Filmbeispielen steht im Fokus des Beitrags des Filmwissenschaftlers Matthias Brütsch. Er zeigt im Beitrag auf, dass die Kürze eines Filmes keinesfalls limitierend für die Tiefe einer Erzählung sein muss. Exemplarisch setzt er den Schweizer Kurzfilm Dürä..! (Quinn Evan Reimann, Rolf Lang, CH 2010) in den Kontext des internationalen Kurzfilmschaffens. Während sich Brütsch mit der Komplexität im Erzählen der Kurzfilme beschäftigt, setzt Jean Perret auf pointierte Aussagen in einem wilden Ritt durch die Filmgeschichte. Darin zeigt er auf, wie der Kurzfilm seit Méliès widerstrebt und aneckt.
In den Beiträgen von Rahel Jung und John Canciani geht es um die politische Durchschlagkraft kurzer Formate. Ausgehend von Helke Sanders Manifest zum feministischen Filmschaffen beschreibt Jung die Rolle des (Kurz-)Films als aktivistischen Mediums, das Kurzfilmfestivals zu »Kernorten des Austauschs und Netzwerks, des Zeigens und des Gesehen-Werdens« gemacht haben. Mit besonderem Fokus auf das junge ukrainische Kino, das im Rahmen des andauernden Krieges entstanden ist, legt Canciani dar, was den Kurzfilm zur »idealen Form zur Erfassung des Zeitgeistes« macht, und plädiert an die Verantwortung der Festivals.
Im Gespräch mit Anja Kofmel und Frances McStea von der Produktionsfirma Asako Film wirft Sarah Stutte einen Blick auf die Hintergründe und Herausforderungen einer Produktionsfirma mit einer starken Gewichtung kurzer Animations-, Dokumentar- und Hybridfilme. Dazu liefert Stutte auch eine Innenperspektive aus der Produktion einer TV-Serie mit dem Werkstattbericht zu $hare. Die kapitalismuskritische Serie wirft nicht nur im abgebildeten Szenario durch Dominikaner-Nonnen inspirierte ökonomische Alternativen auf, sondern sie geht mit einem Direct-to-Audience-Streaming auch neue Wege in Finanzierung und Produktion.
Den Stellenwert kurzer Film- und Videoformate in der Filmbildung machen gleich zwei Beiträge deutlich. So beleuchtet Justine Baudet in ihrem Beitrag die Arbeit der Zauberlaterne, die das Kino Kindern in der ganzen Schweiz seit 1993 näherbringt. Nicht als Zuschauer_innen, sondern als Filmemacher_innen treten die Kinder und Jugendlichen im Beitrag von Lilo Wullschleger auf, die dem KID-O-NIFFF ein besonderes Augenmerk schenkt. Im Rahmen des Neuchâtel International Fantastic Film Festival finden seit mehr als zehn Jahren Workshops für Kinder statt, die grundlegende Filmtechniken vermitteln und die daraus resultierenden Kurzfilme auf den Festivalleinwänden gleich projizieren.
Tierisch geht es zu und her in zwei besonderen Beiträgen von Schweizer Filmemacher_innen. Lasse Linder, aus dessen Kurzfilm In der Nacht sind alle Katzen grau (CH 2019) das Coverbild für diese Ausgabe stammt, berichtet in seinem Kurz-Filmbrief von den Dreharbeiten zu Air Horse One (CH 2025), der dieses Jahr seine Premiere am Filmfestival in Locarno gefeiert hat. Auch in Thirza Ingolds Beitrag stehen Tiere im Vordergrund, wenn auch solche aus Knetmasse. Mit einem Mix aus Making-of-Bildern und Filmstills gibt sie Einblick in die Entstehung des animierten Kurzfilms Kill Your Darlings (CH 2023). Als literarischen Beitrag haben wir die Gelegenheit des Kurzen genutzt, um ein vollständiges Filmskript abzudrucken. Das Drehbuch von Milva Stutz zu Delay (CH 2024) wurde erstmals 2024 im Winterthurer Kulturmagazin Coucou veröffentlicht, das jährlich im Rahmen der Kurzfilmtage szenische Lesungen von Kurzfilmskripten durchführt.
Zwischen all diesen Beiträgen sind neben Statements der Festivaldirektor_innen auch Kurzbeiträge von Alexandre Ducommun von der Initiative ProShort, Jonathan Laskar von der Schweizerischen Vereinigung für Animationsfilm (GSFA) und Reta Guetg vom Zurich Film Festival vereint. Der Band wird von einem Überblick über das Schweizer Filmjahr 2024/25 abgerundet. Als Rückblick auf den Schweizer Filmpreis haben wir ein Gespräch mit den Filmemachern Ramon und Silvan Zürcher abgedruckt, deren Film Der Spatz im Kamin (CH 2024) gleich fünfmal für den Filmpreis nominiert wurde. In der Sélection werden wie in jedem Band Filmproduktionen des Jahres besprochen. Bei der Auswahl haben wir dieses Jahr den Kurzfilmen eine besondere Beachtung geschenkt.
Da es sich mit dieser Ausgabe um die letzte Ausgabe handelt, in der ich in der CINEMA-Redaktion aktiv mitwirken werde, möchte ich gerne mit einem persönlichen Blick auf das diesjährige Thema schliessen. Solange ich an Filme denken kann, haben mich Kurzformate besonders fasziniert. Da war die Entscheidung für das Thema schnell gefallen, als es Sarah Stutte in der Redaktionssitzung vorgeschlagen hatte. Meine ersten Erinnerungen an meine zeitliche Wahrnehmung sind eng verbunden mit der Kürze der Fernsehserien der frühen Neunzigerjahre. Sie wurden schnell zur zeitlichen Orientierungshilfe im Sinne von ›Das ist so lange wie einmal Fred Feuerstein‹. Ein gutes Jahrzehnt später – angefixt von spätabendlichen Kurzschluss-Sendungen auf ARTE – waren es in der Studienzeit dann die Internationalen Kurzfilmtage in Winterthur, die als ultimatives Initiationsritual in die Festivallandschaft dienten. Nur wenig kommt dem Reiz davon nahe, sich in zwei aneinanderhängende Kurzfilmblöcke zu setzen und sich berieseln zu lassen, mal die Augen zu rollen und immer wieder komplett überwältigt zu sein von der Pointiertheit der Filme. Und wenn es auch mittlerweile weniger die Kino- geschweige denn Festivalbesuche sind, so finde ich mich als Vater derzeit wieder in einem von Kurzformaten dominierten Medienkosmos, der sich teils aus ausgewählten Videoausschnitten, teils aus sorgfältig geflochtenen und dezidiert in Kurzform produzierten Filmen zusammensetzt. Es ist mir eine grosse Freude, dass diese Ausgabe des CINEMA mit dem Kurzfilm ein Format in den Fokus rückt, das unseren Alltag über Jahrzehnte hinweg zu prägen vermag.
Ich wünsche im Namen der gesamten Redaktion gute Lektüren,
Benjamin Eugster
CINEMA #71
KURZUNDKNAPP