ALAN MATTLI

VON BIEDER BIS UNBEQUEM — EIN RÜCKBLICK AUF DIE 55. SOLOTHURNER FILMTAGE

Es ist die wichtigste Woche im Kalender des Schweizer Kinos und die Werkschau des hiesigen Filmschaffens. Zwischen dem 22. und 29. Januar fanden zum 55. Mal die Solothurner Filmtage statt. Eine Erkenntnis aus dem diesjährigen Programm: Transnationalität ist Trumpf.

Für die Schlagzeilen sorgten im Vorfeld zwei Schweizer Selbstporträts: Micha Lewinskys Fichenskandal-Komödie Moskau einfach! eröffnete das Festival, Pierre Monnards Mutter-Tochter-Drama Platzspitzbaby setzte nach einer erfolgreichen Startwoche in den Schweizer Kinos in der Ambassadorenstadt zur frühen Ehrenrunde an. Beides sind gewissenhaft realisierte, aber letztlich allzu zahme Prestige-Produktionen, die sich nicht aus dem Schatten besserer Werke befreien können. Lewinsky sucht mit seinem am Zürcher Schauspielhaus ermittelnden Bünzli-Protagonisten geradezu den Vergleich mit Die Schweizermacher (1978) und tut sich damit keinen Gefallen. Platzspitzbaby glänzt mit feinfühliger Figurenzeichnung und starken Hauptdarstellerinnen, wirkt in seiner Darstellung der Schweizer Drogenszene aber leider biederer als Sabine Boss' Der Goalie bin ig (2014).

Die wahren Akzente des Festivals setzten andere – etwa der Schweiz-Franzose Blaise Harrison, der mit Les particules eine ambitionierte Mischung aus Science-Fiction und Coming-of-Age-Drama vorlegte. Die Geschichte eines Teenagers, der neben dem Genfer CERN zur Schule geht und mysteriöse Veränderungen auf der Molekularebene zu bemerken scheint, mag für einen Langspielfilm zu wenig narrative Substanz haben, beeindruckt aber mit beklemmender Atmosphäre und einer subtilen Auseinandersetzung mit Grenzen aller Art.

Auch der Norditaliener Andrea Caccia bestach mit einem filmischen Grenzgang: In der Tessiner Koproduktion Tutto l'oro che c'è erkundet er in meditativer Langsamkeit das lombardische Valle-del-Ticino-Naturreservat und verwischt dabei die Trennlinie zwischen Fiktion und Dokumentarfilm. Begleitet von einer hypnotisch plätschernden und sirrenden Geräuschkulisse beobachtet er in einer Art Outdoor-Variation auf Frederick Wisemans Institutionsfilme den Alltag an den Ufern und in den Wäldern des Ticino-Gebietes. Doch wie starken Einfluss er auf die Bewegungen seiner fünf Hauptfiguren ausübte – immerhin ist auch sein Sohn vor der Kamera zu sehen – lässt Caccia offen.

Dieses Kokettieren mit der Authentizität blieb jedoch die Ausnahme: In seiner reinen Form konnte sich der Dokumentarfilm in Solothurn einmal mehr als die Königsdisziplin des Schweizer Kinos behaupten. Selbst stilistisch konventionellere Werke wie Marcus Vetters deutsch-schweizerische Kollaboration Das Forum oder das Literaturporträt Das letzte Buch von Anne-Marie Haller und Tanja Trentmann vermochten sich mit erhellenden Einblicken und unerwarteten Zugängen zu profilieren.

Vetters Blick hinter die Kulissen des World Economic Forum zeichnet ein überraschend differenziertes Bild des umstrittenen Davoser Elitentreffs und erweist sich besonders in den Momenten, in denen der Regisseur mit WEF-Gründer und -Leiter Klaus Schwab auf Augenhöhe debattiert, als produktiver Beitrag zu einem schwierigen Thema. Das Gespräch von Haller und Trentmann mit der 86-jährigen Schriftstellerin Katharina Zimmermann wiederum rollt eine eindrückliche Biografie auf, die zum hintersinnigen Kommentar über die berüchtigte Schweizer Kleingeistigkeit gerät. Denn Zimmermanns Erinnerungen an ihre Zeit als Missionarsfrau in Indonesien sind auch die Geschichte einer unterforderten Bernerin, die erst in Südostasien auf Menschen stiess, die ihr Verantwortung zutrauten.

Dieses Spannungsfeld zwischen Schweiz und Ausland bildet denn auch die Basis für den besten Film an den diesjährigen Solothurner Filmtagen – und einen der besten Schweizer Filme der letzten zehn Jahre überhaupt. African Mirror, Mischa Hedingers raffiniert-nüchterne Rekontextualisierung der latent bis explizit rassistischen Texte und Bilder des schweizweit geachteten «Afrika-Experten» René Gardi, zeigt mit messerscharfer Präzision auf, von welchen romantischen Verzerrungen, paternalistischen Vorurteilen und kolonialistischen Fantasien das Schweizer Afrikabild bis heute geprägt ist – und wie das Fremde bis heute als Projektionsfläche für die eigene bürgerliche Unzufriedenheit herhalten muss. Es ist ein Dokumentarfilm mit einem Mut zur Unbequemlichkeit, wie man ihn in Solothurn in den kommenden Jahren hoffentlich noch öfters zu Gesicht bekommen wird.

Alan Mattli
*1991, studierte Anglistik und Filmwissenschaft, zurzeit Doktorand in Englischer Literaturwissenschaft in Zürich. Freischaffender Filmjournalist, u.a. für FacingTheBitterTruth.com, Maximum Cinema und Frame, Mitglied der Online Film Critics Society.
(Stand: 2019)
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